Wenn Expertenkonsens nicht zur Evidenz passt
Sowohl bei den aktuellen Empfehlungen der WPATH (2022) als auch bei der AWMF-S2k-Leitlinie für D-A-CH „Geschlechtsinkongruenz und
Anfang 2026 gab es neue aufschlussreiche Bewertungen bzw. Kommentierungen der beiden Leitlinien.
S2k-Leitlinie für die deutschsprachigen Länder – Kommentierung
Moderner Standard oder alte Probleme? Kommentierung der S2k-Leitlinie „Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter – Diagnostik und Behandlung“, Kimberley Tietz, 30.01.2026
Kimberley Tietz (Medizinrecht, Uni Halle) schreibt in ihrem Kommentar: Die S2k-Leitlinie (2025)
„erkennt zwar die unsichere Evidenz bezüglich körpermodifizierender Eingriffe an und versucht dieser mit individuellen Nutzen-Risiko-Abwägungen zu begegnen, trotzdem beharrt sie dabei auf einer grundsätzlich affirmativen Behandlungsausrichtung. Dies sorgte sowohl innerhalb als auch außerhalb der Leitlinienkommission für rege Diskussionen, die Mängel im theoretischen Fundament als auch in der Vorgehensweise der Leitlinienerstellung enthüllten. Aufgrund dieser innerfachlichen Zerstrittenheit besteht weiterhin kein aktueller medizinischer Standard zur Behandlung von geschlechtsdysphorischen Minderjährigen."
Tietz geht es bei ihrer kritischen Beurteilung anhand der Darstellung der inner- und außerfachlichen Kontroverse im Verlauf der Leitlinienerstellung um „eine rechtliche Einschätzung der Auswirkungen auf den medizinischen Standard".
Die fachliche Kontroverse zur Behandlung von Jugendlichen mit Genderinkongruenz/Genderdysphorie, zeigte sich insbesondere nach der Veröffentlichung des Leitlinienentwurfs im Frühjahr 2024 durch kritische Stimmen, Beispiele:
- die Gemeinsame Kommentierung von 14 Kinder- und Jugendpsychiatern
- die Pressemitteilung der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern
- die Methodenkritische Kommentierung von Dr. Alexander Korte
- die Kommentierung von SEGM
Auch der Offene Brief von TTSB wird erwähnt. Und schließlich fallen auch noch die im Übermaß vorhandenen Sondervoten mehrerer beteiligter Gruppierungen und die Nichtkonsentierung von mehreren an der Leitlinienerstellung beteiligten Fachgesellschaften ins Gewicht.
Die Herabstufung der S2k-Leitlinie ca. 1 Jahr vor der Veröffentlichung wurde von der Kommission mit der unsicheren Evidenzlage begründet. Richtig ist, dass der präferierte Behandlungsansatz der gender-affirmativen Versorgung mit der unsicheren Evidenz nicht belegt werden konnte.
Grundsätzlich besteht jedoch – bei jeder Evidenzlage – die Möglichkeit, eine evidenzbasierte S3-Leitlinie zu entwickeln. Allerdings hätten aus der unsicheren Evidenzlage wahrscheinlich andere Empfehlungen abgeleitet werden müssen. Ist die Kommission unter dieser Prämisse dann doch lieber auf eine konsensbasierte Leitlinie umgestiegen? Alles dreht sich um die Rechtfertigung der bislang standardmäßig praktizierten Behandlungsweise in den deutschsprachigen Ländern: die sog. gender-affirmative Versorgung ohne Behandlungsalternative.
Kritisiert wurde beispielsweise auch von der SEGM, dass sich die S2k-Leitlinie nicht nur inhaltlich stark an den WPATH Standards of Care 8 orientiert, sondern teilweise selbst im Aufbau und Wortlaut (engl. übersetzt) dem Text der WPATH-Empfehlungen stark angeglichen ist. (vgl. Kritik von SEGM an der S2k-Leitlinie
Die Leitlinie ist alles andere als stimmig
Im Fazit kritisiert Kimberley Tietz, dass trotz „tiefgreifender Unsicherheit darüber, wem eine medizinische Transition ... tatsächlich langfristig nützt" und trotz aller Zweifel und Begriffsunschärfen, der affirmative Behandlungsansatz aufrechterhalten wird. Die S2k-Leitlinie zementiere ihn zwar, aber erkläre ihn nicht hinreichend.
„Dieser Unsicherheit kann auch nicht allein durch die Ermahnung zu einem sorgfältigen Vorgehen im Einzelfall begegnet werden, wenn konkrete und praktisch umsetzbare Handlungsanleitungen für ein solches fehlen. Dabei muss besonders darauf geachtet werden, dass Schlagwörter wie 'sorgfältige Diagnose' und 'Einzelfallentscheidung' nicht zu einem Feigenblatt verkommen, welches weitreichende körpermodifizierende Eingriffe an Minderjährigen ohne eine ausreichend überzeugende Datenlage und mit einem zum Teil unklaren medizinischen Nutzen begünstigt."
Nachbemerkungen von TTSB zur S2k-Leitlinie
- Das für Evidenzrecherchen (gerade auch von Leitliniengruppen) prädestinierte IQWIG wurde von der S2k-Leitlinienkommission leider nicht genutzt.
- Statt die Empfehlungen für die präferierte Behandlungsform sauber aus der Evidenz abzuleiten, versuchte die Leitlinien-Kommission immer wieder, mit Quantitäten zu beeindrucken: Hunderte von Seiten PDF oder Papier (die eine Kurzfassung von noch immer 71 Seiten notwendig machten), überlange Bearbeitungszeit (fast 10 Jahre), Betonung der „über 100 Jahre ausgewiesenen Behandlungserfahrung" des Leitliniengremiums, etc.
- Aufgrund der Halbwertszeit von Studienergebnissen in der Medizin (alle 5 Jahre verdoppelt sich die Anzahl der Studien) ist die Gültigkeit von AWMF-Leitlinien auf 5 Jahre festgelegt. Aus unserer Sicht ist es vergleichsweise nachteilig, wenn sich die Leitlinienerstellung über fast 10 Jahre hinzieht, da es die Evidenzrecherche und den Transfer zu konkreten Empfehlungen verkompliziert.
WPATH SOC 8 – Bewertung mit AGREE II
Quality of the World Professional Association for Transgender Health Guideline Standards of Care 8: An Appraisal Using the AGREE II Instrument, Zhang, Kaltiala, u. a., 10.12.2025
Die ForscherInnen rekrutierten 8 GutachterInnen mit umfangreicher Kompetenz zur Leitlinienentwicklung und EbM-Werkzeugen und geringen Interessenkonflikten. Untersucht wurde die Qualität der WPATH-SOC8 aus der Perspektive von Gesundheitsdienstleistern für transidentifizierte Kinder und Jugendliche sowie von Leitlinienmethodikern. Sie nutzten dazu das EbM-Werkzeug AGREE II. Im Fokus standen die 6 Kapitel, die für Kinder und Jugendliche relevant sind.
In zentralen Bereichen, wie dem Umgang mit Evidenz, Umsetzung in der Praxis und der Unabhängigkeit, wurden bedeutende Mängel festgestellt. Auch andere grundlegende Kriterien evidenzbasierter Leitlinien hinsichtlich Methodik und Transparenz sind nicht hinreichend erfüllt.
Die AutorInnen betonen, dass trotz schwacher Evidenzbasis hochwertige Leitlinien entwickelt werden können. Dazu müssten die Ersteller der Leitlinie
- systematische Überprüfungsmethoden einsetzen,
- die Unsicherheiten transparent darstellen,
- die Empfehlungen klar mit der Stärke der Evidenz verknüpfen und
- darstellen, wie sie zu Kompromissen gekommen sind.
„It is important to distinguish between the quality of the evidence base and the quality of guideline development methodology. While some clinical fields, including gender dysphoria in children and adolescents, may have limited or evolving evidence, this does not preclude the development of high-quality guidelines. The AGREE II assessment evaluates the rigor and transparency of the guideline development process, independent of the strength of the underlying evidence. SOC8 received low scores not due to the limitations of the evidence itself, but because of weaknesses in how the recommendations were formulated."
Die WPATH SOC8 werden in der Öffentlichkeit oft als maßgeblicher dargestellt, als es ihr Entwicklungsprozess rechtfertigt. Wegen der methodischen Mängel sollte die Übernahme von Empfehlungen mit großer Vorsicht geschehen. Das Resümee der AutorInnen:
{tip title="deutsch" content="Unsere Bewertung ergab, dass die SOC8-Richtlinien der WPATH Einschränkungen hinsichtlich wissenschaftlicher und methodischer Stringenz, Anwendbarkeit und Transparenz beim Umgang mit konkurrierenden Interessen aufweisen. Es besteht dringender Bedarf an evidenzbasierten Leitlinien, die auf die Bedürfnisse von transidentifizierten Kindern und Jugendlichen zugeschnitten sind, aber die unkritische Übernahme oder Befürwortung der WPATH-Leitlinien kann dieser vulnerablen Bevölkerungsgruppe einen schlechten Dienst erweisen oder ihr sogar schaden. Es ist unerlässlich, dass Gesundheitsdienstleister, Forscher und politische Entscheidungsträger die Einschränkungen der SOC8-Leitlinien der WPATH erkennen und angehen.“}„Our assessment revealed that WPATH’s SOC8 guidelines have limitations in scientific and methodological rigor, applicability, and transparency in managing competing interests. Evidence-based guidelines addressing the needs of transidentified children and adolescents are urgently needed, but the uncritical adoption or endorsement of WPATH’s guidelines may result in a disservice or even harm to this vulnerable population. It is imperative that healthcare providers, researchers, and policymakers recognize and address the limitations of WPATH’s SOC8.“
In einigen Ländern wie England
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Trans-Leitlinien: Von mangelhafter Qualität, Queernations, T. Amelung, 23.02.2026
§ 1631c BGB gilt auch für trans-affirmative medizinische Maßnahmen
Gender-affirmative Versorgung ist keine Medizin
Kritik von SEGM an der S2k-Leitlinie
In unserem Beitrag von vor einem Jahr unter derselben Überschrift „Wenn Expertenkonsens nicht zur Evidenz passt“ hatten wir bereits Sallie Baxendales (Professorin für klinische Neuropsychologie am University College London) interessanten Beitrag vorgestellt, in dem sie erklärt, warum gar nicht so selten ein Expertenkonsens trotz widersprechender Evidenz lange maßgeblich ist und Praktiken aufrechterhält, die unwirksam, schädlich oder sogar tödlich sein können.
How to be a Better Doctor: Recognizing How Cognitive Biases Shape – and Distort – Clinical Evidence, S. Baxendale, 18.02.2024
Unser ursprünglicher Beitrag vom 03.03.2025:
Wenn Expertenkonsens nicht zur Evidenz passt
EvidenzpyramideSowohl bei den letzten Empfehlungen der WPATH (2022) als auch bei der AWMF-Leitlinie für D-A-CH „Geschlechtsinkongruenz und
Sallie Baxendale (Professorin für klinische Neuropsychologie am University College London) gibt in einem neuen Beitrag einige Hinweise, warum gar nicht so selten ein Expertenkonsens trotz widersprechender Evidenz lange maßgeblich ist und Praktiken aufrechterhält, die unwirksam, schädlich oder sogar tödlich sein können.
Dem Beitrag vorangestellt ist eine grundsätzliche Erwartung im Gesundheitsbereich, die allgemein anerkannt ist:
„Rather than the absence of any harm, it is the expectation of an overall benefit of a medical treatment that is the foundation of the implicit doctor-patient contract."
Baxendale richtet ihren Blick vor allem auf Bereiche, in denen Behandlungen im Off-Label-Use stattfinden. D. h., ohne die üblichen Zulassungsstudien werden Behandlungen auf andere Zwecke (für die sie nicht zugelassen sind) übertragen und durchgeführt. Gerade die pädiatrische Gender-Medizin sei ein eindrucksvolles Beispiel für die Dynamik, mit der Ärzte Beweise ignorieren und an Behandlungen festhalten, die sich als problematisch erwiesen haben, weil sie den normalen physiologischen Entwicklungsprozess stören.
Was beeinträchtigt die Wahrnehmung der Evidenzbasis?
Anhand einiger Irrtümer aus der Medizingeschichte*) sowie derzeitiger klinischer Kontroversen untersucht Baxendale, wie kognitive Verzerrungen und Gruppendynamik die Wahrnehmung der Evidenzbasis beeinträchtigen können.
„These distortions can perpetuate harmful practices in medicine long after the objective evidence points in a different direction.”
Einige Beispiele für Wahrnehmungsbeeinträchtigung
Die Ankereffekt-Verzerrung
Die Ankereffekt-Verzerrung ist die Fokussierung auf anfängliche Informationen oder die ersten Symptome oder Testergebnisse, auf die Ärzte zu Beginn eines Patientenkontaktes stoßen. Eine „Verankerung” erschwert es, eine anfängliche Diagnose oder einen Behandlungsplan zu ändern.
Bestätigungsfehler (confirmation bias)
Die Tendenz, hauptsächlich solche Informationen zu suchen bzw. sich zu merken, die anfängliche Hypothesen oder Vorurteile bestätigen, während alternative Möglichkeiten weniger Aufmerksamkeit bekommen oder gar übersehen werden.
Die Verfügbarkeitsheuristik
„Die sog. Verfügbarkeitsheuristik ist eine mentale Faustregel, die unbewusst bei Entscheidungen und Urteilen angewendet wird. Sie basiert auf der Annahme, dass Menschen von leicht abrufbaren Erinnerungen auf größere Sachverhalte schließen, selbst wenn die Fakten dagegen sprechen." (wikipedia)
Möglicherweise werden häufiger Erkrankungen diagnostiziert, denen Ärzte häufiger oder erst kürzlich begegnet sind. Dies passiert öfter in hoch spezialisierten Facharztbereichen, in die Menschen auch bereits gezielt überwiesen werden.
Die Selbstüberschätzung
In vielen Berufen, aber auch in der Medizin, finden sich Fachleute, die ihr Wissen, ihre Fähigkeiten oder die Genauigkeit ihrer Prognose tendenziell überschätzen. Es handelt sich insbesondere um Berufsfelder, in denen Unsicherheit als Schwäche gilt.
„In medicine, overconfidence can lead doctors to make decisions without fully considering all the evidence or consulting colleagues or other specialists. This bias can be particularly hazardous in complex cases where thorough investigation and collaboration are necessary.”
Sunk-Cost-Trugschluss
Nach der Diagnosestellung und Behandlungseinleitung kann es zu einer weiteren Verzerrung kommen, die die beteiligten Ärzte, aber auch PatientInnen für die Wirkungen der Behandlung blind macht. Obwohl keine positive Wirkung eintritt, wird eine Behandlung fortgesetzt, weil bereits eine Menge Ressourcen (Zeit, Geld, Aufwand, Schmerz, Leid) investiert wurde.
„The sunk cost fallacy is the tendency to continue a course of action because of the resources already invested, even when continuing is no longer the best option."
Mitläufer-Effekt
Hier geht es um die Tendenz, so zu handeln oder zu denken, weil viele andere es tun. Wenn Verfahren oder Behandlungen verbreitet, populär und akzeptiert sind, scheint kritisches Hinterfragen oft nicht notwendig zu sein.
„For example, a diagnostic test or treatment might become standard practice in a specialty, not because it is evidence based, but because everyone else is using it. As with the other biases, this can perpetuate suboptimal practices and inhibit the adoption of better alternatives."
Autoritätsprinzip
Auch in der Medizin ist es nicht unüblich, Experten und Führungskräften zu vertrauen bzw. das eigene Verhalten dem akzeptierten und üblichen Verhalten in der sozialen Gruppe anzupassen.
Wenn neue Erkenntnisse als gesichert angesehene Überzeugungen infrage stellen, kann es zur „kognitiven Dissonanz“ führen, die speziell für „Koryphäen“ eines bis dahin etablierten Fachbereiches schwer zu bewältigen sind, insbesondere wenn das ihren Experten-Status gefährdet. Neue Beurteilungen oder auch Whistleblowing können
„create a situation where someone is forced to reconcile their beliefs with markedly discordant information. In these circumstances an individual will often work hard to dismiss the evidence of harm in order to maintain psychological equipoise. Reconciling the tension by accepting the evidence has a very personal element in medicine, requiring the physician to recognise that while they thought they were helping their patients, they were actually harming them. For some the inability to change course at this stage becomes a hill they will die on."
Aber auch für Whistleblower, die sich trauen, ihre Beobachtungen, dass etwas falsch läuft, zu äußern, ist die Situation gefährlich. Auch wenn sie recht haben, verlieren erfahrungsgemäß 90 % ihren Arbeitsplatz oder werden degradiert und zu 30 % angeklagt (Lennane, 2012). Der Umgang mit Whistleblowern wirkt zudem hochgradig abschreckend, erkannte Missstände zu thematisieren.
[Ergänzend sei an den Semmelweiß-Effekt erinnert.]
Zuschauereffekt
Das Autoritätsprinzip erzeugt praktisch automatisch den Zuschauereffekt. Fachleute können leicht denken,
„that someone else will intervene or that the issue cannot be as serious as it appears, reasoning that if it were, somebody else would have surely noticed and done something about it."
Sog. Gender-Medizin für junge Menschen
Zurzeit haben wir die Situation, dass auf der Basis derselben internationalen Studienlage und vor allem der neueren Meta-Studien unterschiedliche Schlussfolgerungen für die Behandlung bzw. Versorgung genderinkongruenter/-dysphorischer Teenager gezogen werden (vgl. auch Was hilft? Was schadet?)
Deutschland folgt dem Affirmation-Only-Trend und hat jetzt eine rein konsensbasierte Leitlinie, die die bisherige Behandlungsstrategie mit ihren letztlich drastischen medizinischen Maßnahmen (PB, CSH, OPs) festschreibt. Bei deren Erstellung wurde die systematische Recherche der Evidenz zwischen 2017 und 2020 eingestellt. Es wurde kein unabhängiges Institut mit diesen Aufgaben beauftragt, wie beispielsweise das unabhängige IQWIG
„There was no explicit link between the recommendations and the evidence base. None of the over 70 topic-specific recommendations, including the specific recommendations regarding psychotherapy, social transition, puberty blockers, cross-sex hormones, and surgery are linked to a body of evidence that is graded for certainty. Instead, the guidelines make specific treatment recommendations justifying them by findings from individual studies (which were not assessed for risk of bias and frequently presented highly biased findings as a trustworthy basis for recommendations).” (SEGM)
In einigen Ländern wie England
„11.43 In summary, there is a lack of evidence about alternative approaches for managing gender-related distress, and it is difficult to obtain information about routine clinical practice or pathways of care for children and young people who do not receive medical interventions. An explicit clinical pathway must be developed for non-medical interventions, as well as a research strategy for evaluating their effectiveness.”
Durch den polarisierten Diskurs unter Fachleuten ist die Behandlungssituation für genderdysphorische Jugendliche regional sehr unterschiedlich. Während sich die skandinavischen Länder und England von den WPATH-Empfehlungen abgewendet haben, als Primärtherapie psychosoziale, psychologische und psychiatrische Unterstützung anbieten, die nicht-invasiv ist und die Teenager ganzheitlich in den Blick nimmt, wird in Deutschland weiterhin die gender-affirmative Behandlung (à la WPATH) mit ihren medizinischen Transitionsmaßnahmen (PB, CSH, OPs, ggf. Begleitpsychotherapie) ohne Alternativen präferiert.
Wie kommt es dazu, dass neuere Erkenntnisse ignoriert werden?
Für Behandler scheint es oft schwierig zu sein, ihre persönliche Erfahrung, Einstellung und präferierte Behandlungsansätze zu revidieren. Sie erleben einige PatientInnen während und direkt nach einer medizinischen Transitions-Maßnahme relativ euphorisch, aber sie verfolgen ihre Fälle allerdings nicht systematisch bzw. langfristig. Es ist nicht unüblich, dass Studien, die entgegen den Erwartungen keine positiven Ergebnisse liefern, nicht oder nur auf Druck von anderen Forschern veröffentlicht werden. Einige Beispiele der letzten Jahre:
- Frühinterventionsstudie in England
( Carmichael u. a., 2021) - Pubertätsblocker-Studie in den USA
( Olson-Kennedy, 2024) - die von der WPATH beauftragten systematischen Reviews, die meisten davon brachten nicht die erhofften Ergebnisse und wurden daher nicht veröffentlicht.
Neuere Informationen zur Evidenz, die bisherige Trends infrage stellen, sind für etliche Fachleute schwer zu berücksichtigen. Obwohl die bisherige Praxis und der Kenntnisstand im Widerspruch zu den Erkenntnissen aus systematischen Überprüfungen und Meta-Studien stehen, versuchen sie zunächst einmal, die neueren Informationen zu verharmlosen oder zu diskreditieren. Sie scharen gleichgesinnte Fachleute und Pro-Affirmation-KollegInnen um sich, spezialisieren sich auf konsensbasierte Empfehlungen und werfen ihre Behandlungserfahrung, Autorität sowie Best-Practice-Reports in den Ring. [Die D-A-CH-Leitlinien-Kommission behauptete schließlich sogar fälschlicherweise
, dass aufgrund der schwachen Evidenzlage keine evidenzbasierte S3-Leitlinie möglich sei. Eine evidenzbasierte S3-Leitlinie wäre sicher möglich
, allerdings müssten die Empfehlungen dem Level der Evidenz entsprechen. Die bisherigen drastischen medizinischen Maßnahmen stehen im Widerspruch zu den international ermittelten Ergebnissen mehrerer systematischer Überprüfungen und Meta-Analysen und wären somit nicht länger vertretbar. Evidenzbasierte Empfehlungen müssten sich wahrscheinlich eher auf vorsichtigere Vorgehensweisen sowie auf die Entwicklung von nicht invasiven Alternativen beziehen. Leider ist es in D-A-CH nicht zu einer S3-Leitlinie gekommen.]
Hinzu kommt, dass die Debatte zur Behandlung von genderdysphorischen Teenagern in einem ideologisch aufgeladenen und polarisierten Umfeld stattfindet.
„Accepting the new evidence also challenges their belief that they are a diligent, caring doctor or a pioneer in their field. If a doctor’s beliefs also have an ideological component and are closely associated with their wider worldview, it is even less likely that their beliefs will change.” (Markierung hinzugefügt)
Qualität von Argumenten
Um mit der Polarisierung und mit Gegenargumenten klarzukommen, referenziert Baxendale nicht nur auf die Evidenzpyramide, sondern auch auf ein weiteres
Baxendale's Schlussfolgerungen
Dem Einfluss von kognitiven Verzerrungen und Gruppendynamik auf die Wahrnehmung der Evidenzbasis für die klinische Versorgung wurde bislang zu wenig Aufmerksamkeit zuteil. Hier müsse angesetzt werden, um die negativen Auswirkungen auf die Patientenversorgung zu verringern, denn:
- Aus systematischen Überprüfungen abgeleitete Leitlinien stellen die solideste Evidenzbasis für die klinische Praxis dar.
- Aus klinischem Konsens abgeleitete Leitlinien sind sehr anfällig für kognitive Verzerrungen und Gruppendynamik, insbesondere wenn objektive Wirksamkeitsnachweise begrenzt sind und umfassende klinische Feedback-Mechanismen fehlen.
Baxendale sieht die Fachleute in der kollektiven Verantwortung, Voreingenommenheit in Forschung und Praxis zurückzudrängen und Offenheit für neue Perspektiven zu fördern.
„By prioritizing rigorous evidence and fostering open-minded dialogue that adheres to the Disagreement Pyramid, the medical community can ground patient care in science rather than subjective belief.”
How to be a Better Doctor: Recognizing How Cognitive Biases Shape – and Distort – Clinical Evidence, S. Baxendale, 18.02.2024
Wissenschaftsorientierung
Als leuchtendes Beispiel für Wissenschaftsorientierung und Evidenzrecherche gilt Riittakerttu Kaltiala, finnische Forscherin im Bereich pädiatrischer Gender-Medizin. Relativ schnell, nachdem sie gemerkt hatte, dass bei der Behandlung von genderdysphorischen Teenagern nach dem Niederländischen Modell etwas schiefläuft, hat sie für Finnland Konsequenzen gezogen, die bereits ab 2015 auch international Aufmerksamkeit erregt haben, thefp
Finnland: Akzeptanz statt Chirurgie
Finnland – Priorisierung von Psychotherapie aufgrund nicht schlüssiger Evidenz
Was vertrauenswürdige Leitlinien ausmacht, ist schon lange klar
Bereits 2011 wurden Kriterien für vertrauenswürdige Leitlinien definiert. Prof. Guyatt, einer der Pioniere der EBM
„'auf einer systematischen Überprüfung der relevanten Evidenz beruhen', für die es jetzt auch Standards gibt, im Gegensatz zu einer traditionellen narrativen Literaturübersicht, bei der 'eine Gruppe von Experten schreibt, was ihnen gefällt, ohne bestimmte Standards und ohne bestimmte Struktur.'”
Gender dysphoria in young people is rising – and so is professional disagreement, J. Block, BMJ,
Clinical practice guidelines we can trust, Institute of Medicine u. a., 2011
*)Fehleinschätzungen, die lange Konsens waren und viel Schaden angerichtet haben
Leider gibt es in der Geschichte entschieden zu viele Empfehlungen und Behandlungen, die sich nicht nur als falsch herausgestellt haben, sondern die durch den lange aufrechterhaltenen Expertenkonsens auch zu viele unnötige katastrophale Folgen hatten.
Quecksilber
Die Behandlung mit Quecksilber wurde noch lange eingesetzt, nachdem die Schädlichkeit wie Zahnverlust, neurologische Funktionsstörungen, schweres Organversagen bis zu Koma und Tod bekannt war.
Plötzlicher Kindstod
Bis in die frühen 1990er Jahre war es Expertenkonsens, Babys zum Schlafen auf den Bauch zu legen, obwohl bereits 1970 bekannt war, dass diese Praxis mit einem erhöhten Risiko für den plötzlichen Kindstod verbunden war. Wäre 1970 ein systematisches Evidenzreview durchgeführt und die Empfehlungen geändert worden, hätten in Europa, den USA und Australien über 50.000 Eltern ihre Babys nicht tot in ihrem Bettchen auffinden müssen. Der schädliche „Expertenkonsens“ war also noch über 2 Jahrzehnte lang wirksam, obwohl die Folgen bekannt waren und eindeutig in eine andere Richtung wiesen.
Medizinfortschritt heute, Skandal morgen?
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Evidenz ist nicht gleich Evidenz
'Nennen Sie es nicht evidenzbasiert'
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