Deutschland: Wende oder 'Weiter so'?

AdobeStock 48300564 Seit kurzem weichen Finnland und Schweden bei den Empfehlungen für die Behandlung von genderdysphorischen Jugendlichen unterschiedlich deutlich von den WPATH-SOC8 (Drafts) ab. In Großbritannien stehen der bisherige klinische Ansatz und die Gesamtkonzeption der GD-Behandlung offensichtlich vor grundlegenden strukturellen und inhaltlichen Änderungen, das Tavistock GIDS wird geschlossen. Auch in Frankreich mahnt die Academie nationale de Médecine zur Vorsicht bei der Anwendung von Pubertätsblockern und CSH. Das Australian and New Zealand College of Psychiatrists hat bereits 2021 in einer Stellungnahme den Mangel an qualitativ hochwertiger Ergebnisforschung benannt und sich sehr nuanciert zur derzeitigen Behandlungssituation geäußert.

Grundlage für diese Neuerungen waren systematische Überprüfungen der Behandlungsplausibilität mit folgenden Resultaten:

  • die unzureichende, nicht schlüssige Evidenzlage für invasive somato-medizinische Behandlungen für die aktuelle Kohorte von Teens mit Genderproblemen,
  • der ungeklärte signifikante Anstieg der Fallzahlen bei GD-Teens und -Twens (insbesondere ♀) weltweit,
  • Frankreich betont zudem, dass bisher keine genetische Prädisposition für Trans-Identität gefunden worden sei.

In Schweden wurde eine Reihe von Fällen dokumentiert, bei denen Jugendliche durch Pubertätsblocker geschädigt wurden: SVT-Sendung, November 2021.

Finnland setzt sogar die Weiterentwicklung der Empfehlungen aus, bis der Fallanstieg erforscht ist, einige Länder beginnen damit, die Fälle landesweit zu registrieren. Die genannten Länder setzen einen neuen Trend, indem sie den psychologischen und psychiatrischen Behandlungen Vorrang vor medizinischen Interventionen einräumen, insbesondere für GD-Jugendliche ohne Genderdysphorie in der Kindheit. Außerdem gibt es teilweise strengere Regeln für die 'Informierte Einwilligung' und Empfehlungen, bestimmte medizinische Maßnahmen erst in höherem Alter zuzulassen. Beispielsweise können in Finnland Twens nicht vor dem 25. Lebensjahr körpermodifizierende Operationen erhalten.

Diese Tabelle  zeigt beispielhaft einige Abweichungen zwischen den WPATH SOC8 und der schwedischen Linie.

Debate Heats Up on How Best to Treat Gender-Questioning Kids, medscape, 02.03.2022

Bei den nordischen Ländern, wie Finnland und Schweden handelt es sich um anerkannt fortschrittliche Länder

"meaning that even the most strident trans activists will struggle to portray its health authorities as Scandinavian sock puppets for America’s religious Right",  B. Lane, 13.05.2022

"While media outlets have bumped up transphobia headlines at the merest whisper of scepticism about “trans health care,” experts in SwedenFinland, the United KingdomAustralia, and New Zealand have carried out systematic reviews of the medical literature on hormonal and surgical treatment for youth gender dysphoria. Their findings are sometimes hedged with identity-politics sloganeering to forestall activist attacks, but the common conclusion is that the evidence base for these treatments is weak; very weak." B. Lane, 13.05.2022

Wie ist die Situation in Deutschland?

In Deutschland ist die Evidenz-Situation für die Behandlungsstandards und die Forschungslage zum Anstieg der Fallzahlen vermutlich nicht anders. Trotzdem schreitet die Formulierung neuer Leitlinien zur „Verbesserung der Qualitätsstandards in der medizinischen Versorgung” für das Kindes- und Jugendalter fort. Deren geplante Fertigstellung wurde kürzlich zum 4. Mal (!) um ein Jahr auf den 31.03.2023 verschoben. Sie sollen die 2013 herausgegebene S1-Leitlinien ablösen, die nur bis 2018 Gültigkeit hatten.

Die Frage ist, ob es auch hierzulande signifikante Abweichungen von den WPATH-SOC8 für Teens&Twens geben wird oder ob die WPATH-SOC8-Konformität oberstes Ziel ist? Wie steht es beispielsweise mit

  • der Priorisierung nicht invasiven Behandlungsmöglichkeiten wie intensive Psychotherapie und psychiatrische Diagnose und Maßnahmen?
  • den Mindestaltersempfehlungen, die von der WPATH gerade erneut gesenkt werden?
  • der Registrierung der Fälle, um statistische Auswertungen machen zu können?
  • Forschungsanreizen und -möglichkeiten?
  • der Standardisierung und Optimierung der informierten Zustimmung und der Integration von Ethik-Kompetenz?

TTSB-Stellungnahme zur Klinikschließung | Forderung nach ganzheitlicher Behandlung von GD-Teens & Twens   vom 05.08.2022


Nach der Ankündigung der Schließung des Tavistock GIDS

Bernard Lane, australischer Journalist, fragt:

"How, then, did the UK manage to devise and enact a credible policy shift toward caution on the issue of medicalised gender change for minors? Are there lessons for countries such as the United States, Canada, Australia, New Zealand, Germany, and Spain, where, so far, dogmatic slogans have trumped critical thought?"

Andere Länder schlafen seiner Meinung nach noch:

"This is a sleeper issue in many affluent countries, where youth gender clinics have gone from novelty to claimed essential service in the space of just a few years, with scant official oversight or public awareness. Britain’s path to remedying this situation, however incomplete the process may be, offers a precedent that responsible politicians, journalists, clinicians, and parents in other nations should monitor carefully."

Shuttering the Tavistock - The closure of Britain’s scandal-plagued youth gender clinic could help protect distressed children from unnecessary medicalisation, B. Lane, 05.08.2022