GB: Leistungsbeschreibung für den neuen GD-Service

flag 447881816 pixabayAm 20.10.2022 wurde ein erster Entwurf der vorläufigen Leistungs­beschreibung (im Entwurf „service specification” und auch „consultation guide” genannt) zur zukünftigen Behandlung von genderdysphorischen Jugendlichen im NHS England online gestellt. Es scheint so, als würde das bisherige Vorgehen der „affirmativen Versorgung" aufgegeben zugunsten eines vernünftigeren Konzeptes, das auf einer ganzheitlichen Sichtweise der Identitätsentwicklung von Jugendlichen basiert. Bis Anfang Dezember findet dazu eine öffentliche Anhörung statt!

Auch aufgrund der Erkenntnis, dass genderdysphorische Jugendliche häufig psychische und neurokognitive Probleme haben, die eine Prognose des Verlaufs ihrer Entwicklung erschweren, schwenkt England jetzt auf die vorsichtigere Linie von Finnland und Schweden ein.

Gründe für die neue Leistungsbeschreibung sind grundlegende Änderungen der Behandlung von genderdysphorischen Jugendlichen, nachdem ein Überprüfungsverfahren das bisherige Vorgehen und den Behandlungsrahmen des NHS-Gender-Service infrage gestellt hat. Problematisch waren vor allem

  • der Anstieg der Überweisungen und die infolgedessen riesige Warteliste (Wartezeit über 4 Jahre)
  • die kaum nachvollziehbaren Veränderungen bei den überwiesenen Jugendlichen (z. B. überwiegend ♀, GD zu Beginn der Pubertät)
  • die spärliche Evidenzbasis für Behandlungsentscheidungen

Cass-Review

Was lief in der Tavistock-Klinik für Trans-Teenager schief?

Es wird anerkannt, dass Genderprobleme vorübergehend sein können und eine unterschiedliche Entwicklung nehmen können. Außerdem wird berücksichtigt, dass viele Jugendliche mit Genderdysphorie gleichzeitig andere psychische und/oder neurologische Probleme haben, die sorgfältig untersucht und therapiert werden müssen.

Grundlage der Behandlung soll die Entwicklung der Jugendlichen sein. Auch sollen GD-Jugendliche nicht mehr zu einer sozialen Transition (betreffend Kleidung, Haar, Name, Pronomen, etc.) ermutigt werden.

Health chiefs say 'social transitioning' should be no longer be viewed as a 'neutral act' due to the significant effects it may have on a child's psychology.

Zu den Risiken der sozialen Transition gehöre, dass sie ein natürliches „Herauswachsen' aus der Genderdysphorie unwahrscheinlicher macht. Zudem müssten auch die Schwierigkeiten berücksichtigt werden, die bei einer Rückkehr in die ursprüngliche Geschlechtsrolle hätte, wenn die Gender-Dysphorie nicht anhält. Daher solle sie nur noch in schweren Fällen als letzte Option in Betracht gezogen werden und keinesfalls ohne GD-Diagnose. Auch muss hierfür zukünftig eine „informierte Zustimmung” von den Betroffenen und ihren Eltern eingeholt werden. Stella O'Malley, eine auf Genderdysphorie spezialisierte Psychotherapeutin aus Irland, sagte dazu: 

'At Genspect we believe that children should be free to wear whatever clothes they want, boys should be free to run around waving fairy wands in princess dresses and girls should be free to act however they wish, yet we don't think changing pronouns helps anyone - it creates more problems than it resolves.'

Die mitgelieferte Folgenabschätzung liest sich so, dass Jugendliche beispielsweise von Lehrkräften und Schule nicht ohne Rücksprache mit den klinischen Fachkräften, sozial transitioniert werden dürfen.

Nach der Schließung des Tavistock GIDS plant der NHS außerdem folgende Änderungen:

  • Dezentralisierung von Gender-Diensten auf 2, später 6-7 Standorte, in der Regel spezialisierte Kinderkrankenhäuser.
  • Überweisungen zu den neuen Gender-Diensten sollen nur noch durch Hausärzte und NHS-MitarbeiterInnen erfolgen können, nicht mehr - wie bisher - durch Lehrer, Wohlfahrtsverbände oder Sozialdienste.
  • Die klinische Leitung des Dienstes soll von einem/r MedizinerIn übernommen wird.
  • In der neuen Konstellation sollen die Einrichtungen über angemessenes multidisziplinäre Teams verfügen, damit sie ein integriertes Modell der Versorgung anbieten können, das den ganzheitlichen Bedürfnissen der betroffenen Kinder und Jugendlichen gerecht wird. 
  • Für Behandlungsentscheidungen hat die DSM-5 Diagnose „Genderdysphorie” Vorrang vor der ICD-11-Diagnose „Gender-Inkongruenz”, die ohne signifikanten Stress und/oder funktionelle Beeinträchtigungen definiert ist.
  • Pubertätsblocker sollen nur noch über ein rasch aufzubauendes NHS-Forschungsprogramm verfügbar sein
  • Es sollen Schutzmaßnahmen ergriffen werden, wenn Kinder Pubertätsblocker Medikamente online erhalten, Stichwort „unregulated drugs”.

„Should a child or young person access GnRHa from unregulated sources or unregulated providers The Service will not assume responsibility for prescribing recommendations nor will it enter into shared cared arrangements in these circumstances.”

Offen bleibt leider, wie zukünftig mit jungen Erwachsenen (18-25 Jahre) umgegangen wird.

Interim service specification for specialist gender dysphoria services, NHS, 20.10.2022

Doctors will no longer encourage gender-curious children to use preferred pronouns or dress as opposite sex under NHS guidelines, dailymail, 21.10.2022

Most children who think they’re transgender are just going through a ‘phase’, says NHS, telegraph, 23.10.2022

Neue Perspektiven

Die Society for Evidence Based Gender Medicine (SE°GM) sieht in den neuen Richtlinien sogar:

  • die Beendigung des "genderbestätigenden Versorgungsmodells für Jugendliche"
  • Ersatz durch eine entwicklungspsychologisch fundierte Position, da die meisten von ihnen Psychoedukation und Psychotherapie benötigten
  • Festlegung von Psychotherapie und Psychoedukation als erste und wichtigste Behandlungslinie mit Schwerpunkt der sorgfältigen therapeutischen Erkundung und der Behandlung weiterer über die Genderdysphorie hinaus vorhandener medizinischer Erkrankungen
  • Bei den Behandlungsentscheidungen soll die Grundlage die DSM-5-Diagnose Gender-Dysphorie sein und Vorrang vor der ICD-11-Diagnose "Gender-Inkongruenz" haben.
  • Durch echte multidisziplinäre Teams soll eine ganzheitliche Unterstützung und eine angemessene Versorgung von genderdysphorischen Jugendlichen ermöglicht werden.

With the new NHS guidance, England joins Finland and Sweden as the three European countries who have explicitly deviated from WPATH guidelines and devised treatment approaches that sharply curb gender transition of minors. Psychotherapy will be provided as the first and usually only line of treatment for gender dysphoric youth.

The NHS Ends the "Gender-Affirmative Care Model" for Youth in England, SE°GM, 24.10.2022

Explorers wanted - The post-Tavistock gender services will go deeper than mere affirmation of what a child tells them, B. Lane, 25.10.2022

Transparenz

Die Transparenz des Verfahrens zur Erstellung der vorläufigen Leistungsbeschreibung ist beeindruckend: Der Entwurf wurde zur "public consultation" online bereitgestellt und kann von der Öffentlichkeit bis zum 04. Dezember 2022 kommentiert werden!

„Why your views matter - This public consultation is an opportunity to check whether proposals are right and supported, whether the public understand their impact, and to identify any alternatives before decisions are made."


„Schleicht Großbritannien auf Zehenspitzen vor einem medizinischen Skandal davon?”

fragt The Economist in seinem Beitrag „Großbritannien ändert seinen Kurs im Umgang mit Trans-identifizierenden Kindern - Vielleicht nicht rechtzeitig genug, um Klagen zu verhindern”.

The affirmation model is predicated on the idea that being trans, like being gay, is innate. Yet in draft guidelines published in October the NHS cautioned that in children 'gender incongruence...may be a transient phase'. This suggests that prescribing blockers to some children may have harmed them.

Roger Withers, ein bekannter englischer Psychotherapeut, sagt, dass eine Wende im Gang, aber noch lange nicht abgeschlossen sei. Er mache sich vor allem Sorgen um Jugendliche im späten Teenageralter und Anfang 20 

„who may be more impulsive than older adults. A significant number of those who identify as trans are unhappily gay.”

Britain changes tack in its treatment of trans-identifying children - It may not be in time to prevent lawsuits, The Economist, 19.11.2022