Medizinische Transition bei Minderjährigen - auch Florida bremst

emergency stop ga771aab24 1Kalahari Die Ärztekammer (über 55.000 Mitglieder) und die Osteopathie-Kammer (über 5.000 Mitglieder) in Florida haben beschlossen, keine neuen körpermedizinischen Behandlungen bei Minderjährigen in allgemeinmedizinischen Einrichtungen zuzulassen. Die Osteopathie-Kammer erlaubt zwar klinische Versuche, es gibt aber dazu derzeit kein Forschungsprogramm, die Ärztekammer erlaubt selbst das nicht. Grund für die Bedenken: Die mangelnde Qualität der Evidenz und die wachsende Zahl Detransitionierter.

Während die meisten US-Fachgesellschaften behaupten, dass Sicherheit und Wirksamkeit der Behandlung nachgewiesen sei, sind in der letzten Zeit einige europäische Länder wie Finnland, Schweden, England und ansatzweise auch Frankreich nach erneuter Prüfung der Evidenz oder der Beobachtung von schweren Nebenwirkungen vorsichtig geworden; jetzt auch die Ärztekammern in Florida. Nach einer 28-tägigen Frist werden die Beschlüsse in Kraft treten: Ärztinnen und Ärzte, die sich nicht an die Regeln halten, riskieren den Verlust ihrer Approbation.

Experten-Anhörung

Zu der ausführlichen Anhörung bei den Ärztekammern waren Experten, Transitionierte, Detransitionierte betroffene Eltern und diverse Fachleute eingeladen. Auch die renommierte finnische Klinikerin und Forscherin Prof. Riittakerttu Kaltiala war eingeflogen worden. Einige ihrer Kommentare während der Anhörung:

[To the Dutch Protocol:] This is really my sincere understanding: 70 patients as a model for treatment for tens of thousands of patients — i find the evidence is lousy

You may be wondering why I seem to have a different evidence [base] from the American speakers. ...  almost all the other claims of their effectiveness [such as reducing dysphoria or boosting mental health] are based on questionable studies

I consider it is of utmost importance that severe psychiatric disorders first be treated into remission [before any thought of medicalised gender change. ... Very seldom would we see patients where you could think that the mental health co-morbidities would only be secondary [to gender dysphoria].

Going Dutch - The small study that launched a big experiment in gender change, B. Lane, 03.11.2022

SE GM

Die Society for Evidence-based Gender Medicine (SE GM) schrieb auf Twitter, 05.11.2022:

"Die Ärzte- und die Osteopathie-Kammer in Florida haben beschlossen, keine neuen Geschlechtsangleichungen bei <18-Jährigen in allgemeinmedizinische Einrichtungen zuzulassen (begonnene Behandlungen können fortgesetzt werden). Grund: mangelnde Qualität der Evidenz. @BMG_Bund, @AWMF_eV, @GKV_SV

Die US-Fachgesellschaften behaupten, dass Sicherheit und Wirksamkeit der Behandlung nachgewiesen ist. Europäische Gesundheitsbehörden und jetzt auch die Ärztekammern in Florida erklären, dass die Evidenz für den Nutzen wacklig und die Risiken real sind. Wie ist das zu vereinbaren?

Die Antwort liegt in der Definition von „Evidenzprüfung". Die "systematische Überprüfung der Evidenz" - dem Eckpfeiler der evidenzbasierten Medizin (auf den sich Europa beruft) - weicht ab von vagen Behauptungen "abgeschlossener Evidenzüberprüfungen" bei @aap_ped @wpath u.a.

Bei systematischen Überprüfungen (SR) werden alle verfügbaren Studien, die vorgegebene Kriterien erfüllen, in reproduzierbarer Weise analysiert. Wer dieselbe Methodik anwendet, sollte zu demselben Ergebnis kommen. Im Gegensatz zu SRs können „Evidence Reviews" Studien „herauspicken".

Weiterer wichtiger Unterschied: Was geschieht nach der Identifizierung von Studien? Systematische Überprüfungen übernehmen Schlussfolgerungen nicht 1 zu 1. Sie hinterfragen Methodik und Zuverlässigkeit. Im Gegensatz dazu können "Evidenzübersichten" einfach die Schlussfolgerungen wiedergeben.

Die Bewertung der Methoden und des "Verzerrungsrisikos" (systematischer Fehler) erfolgt nach strengem & reproduzierbarem Verfahren. Für nicht-randomisierte Studien ist eine der besten Methoden als ROBINS-I  bekannt, ein „Lügendetektortest" für Studien.

Da methodische Probleme systematische Fehler (Biases) in Ergebnisse bringen und die Schlussfolgerungen einer Studie unglaubwürdig machen, ist die Bewertung des „Bias-Risikos" ein wichtiger Schritt bei einer „systematischen Überprüfung", nicht aber bei allg. „Evidenzüberprüfungen".

Systematische Übersichten (SR) geben die Forschungsfrage an, haben klare Kriterien für die Zulassung von Studien und bewerten die Qualität der gefundenen Belege. Die Schlussfolgerungen fassen die Gesamtheit der Belege zusammen. Deshalb stehen SR an der Spitze der Evidenzpyramide.

Jede systematische Übersicht (SR) der Gender-Medizin schlussfolgerte, dass die Evidenz von "sehr geringer/geringer" Qualität sind und dass die berichteten Vorteile aufgrund schlechter Studiendesigns unsicher sind, sogar die SR der Endocrine Society.  cass.independent-review.uk/nice-evidence-reviews

Alle Beweise sind von geringer Qualität, das gilt nicht nur für den Nutzen, sondern auch für die Risiken. Daher müssen Nutzen und Risiken der "Geschlechtsangleichung" - soziale Transition, Pubertätsblocker, gegengeschlechtliche Hormone und chirurgische Eingriffe - anhand strenger Studiendesigns untersucht werden.

Ein Hauptrisiko ist biologischen Gewissheit: Wenn die Pubertät früh (Tanner 2) blockiert wird und dann gegengeschlechtliche Hormone (wie von der Endocrine Society empfohlen) folgen, sind Unfruchtbarkeit und Sterilität zwangsläufige Folge, denn Ei- und Samenzellen können nicht reifen.

Die Endocrine Society (ES) weiß um die geringe Qualität der Evidenz und räumt auch das Risiko von Schäden ein. Wie rechtfertigt sie ihre Empfehlungen für Hormonbehandlungen bei Minderjährigen? Indem sie dem kosmetischen Ergebnis einen höheren Stellenwert beimisst als den Schäden.

Paradoxerweise behauptet @WPATH im SOC8, dass eine systematische Überprüfung unmöglich ist. Das ist nachweislich falsch: Es wurden mehrere systematische Übersichten über die Evidenz zur Geschlechtsangleichung U18 durchgeführt. WPATH selbst hat für seine SOC8 eine in Auftrag gegeben.

Obwohl die von WPATH finanzierte systematische Überprüfung (SR) viele methodische Probleme aufweist (die das Journal of the Endocrine Society nicht anerkennt), kam sie zu einer ähnlichen Schlussfolgerung: Die in den Studien berichteten Nutzen sind höchst unsicher academic.oup.com.

Warum Europa bei der pädiatrischen Geschlechtsangleichung bremst, ist klar. Die Beweise für den Nutzen sind höchst unsicher, die Risiken real, Unfruchtbarkeit und Sterilität eine biologische Gewissheit. Die Frage ist, warum die medizinischen Fachgesellschaften in USA mit Volldampf vorgehen."

(Dt. Übersetzung des engl. Twitterbeitrags von SE GM, dort finden sich auch einige Screenshots der relevanten Dokumente)

Weitere Berichte

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Florida Restricts Doctors From Providing Gender Treatments to Minors, nytimes, 04.11.2022

Florida medical board BANS puberty blockers for minors under the age of 18 — after hearing testimony from 'detransitioners', dailymail, 28.10.2022

Florida medical board to weigh blocking treatments for transgender youth, CBS, 01.08.2022