Neue Kritik: Niederländischer Schlamassel statt Goldstandard

Vor mehr als 25 Jahren begannen niederländische Kliniker mit dem Experiment Pubertätsblocker bei gender­dyspho­rischen Jugendlichen einzusetzen. In den Niederlanden etablierte sich die körpermedizinisch orientierte Behandlung, das sog. Dutch Protocol wurde im Laufe weniger Jahre weltweit als Gold-Standard für die Behandlung von jugendlicher Genderdysphorie (GD) referenziert und verbreitet.

Schon seit einiger Zeit ist klar, dass das Dutch Protocol gar nicht passt, wenn es um ROGD-Jugendliche geht. Nun kommt weitere, diesmal vernichtende Kritik an der Methodik und der Qualität der Studien hinzu, die das Dutch Protocol bestätigen sollten.

Bekannt war bereits seit 2020, dass die einzige Wiederholungs-Studie in England (Carmichael u. a), 2021 die positiven Ergebnisse der Niederländer nicht erzielen konnte. 2023 kam auch eine Sekundäranalyse dieser Studie zu einem vernichtenden Ergebnis:

Psychological outcomes of 12-15-year-olds with gender dysphoria receiving pubertal suppression: assessing reliable and clinically significant change, McPherson, Freedman, 30.05.2023

Die Kritiker des Dutch Protocols weisen darauf hin, dass darüber hinaus neuere Forschungen, die die Vorteile der medizinischen Transition bei Jugendlichen untersuchen, qualitativ noch schlechter sind als die niederländischen.

„The key problem in pediatric gender medicine is not the lack of research rigor in the past - it is the field’s present-day denial of the profound problems in the existing research, and an unwillingness to engage in high quality research requisite in evidence-based medicine” Abbruzzese u. a., 2023

Die Idee, Genderdysphorie durch invasive und teilweise irreversible medizinische sog. ‚genderbestätigende‘ Versorgung zu ‚heilen‘, ist nun endgültig ins Wanken geraten. Angesichts der deutlichen Nachteile für junge Menschen, die sich noch in der Entwicklung befinden, infertil bzw. steril sowie lebenslang von der Medizin abhängig zu werden plus der vielen weiteren Risiken, die noch immer nicht hinreichend erforscht sind, dürfte die ethische Rechtfertigung der medizinischen Transitionsmedizin mehr als hoch problematisch sein.

The Myth of “Reliable Research” in Pediatric Gender Medicine: A critical evaluation of the Dutch Studies - and research that has followed, E. Abbruzzese u. a., 02.01.2023

The Dutch Protocol for Juvenile Transsexuals: Origins and Evidence, M. Biggs, 19.09.2022

Auch die renommierte finnische Jugend-Psychiaterin Prof. Riittakerttu Kaltiala bestätigte bei einer Anhörung 2022 in Florida, dass die Evidenzlage ‚very low‘ ist:

“So the evidence is lousy in general, and [in particular for] mental health and adolescent development,‘ Professor Kaitiala said, adding that this fell below the standards expected today of evidence-based medicine."

Going Dutch - The small study that launched a big experiment in gender change, B. Lane, 31.10.2022

 

Die Büchse der Pandora - schafft Verfügbarkeit Bedarf?

Abbruzzese u. a. mutmaßen, dass die Verfügbarkeit des niederländischen Protokolls eine wachsende Nachfrage nach Geschlechtsangleichungen bei Jugendlichen ausgelöst hat, ohne dass es objektive Kriterien für die medizinische Notwendigkeit oder Qualitätsforschung gibt:

"The question, 'Just because we can, should we?‘ is not unique to pediatric gender medicine. What makes this arena exceptional is the radical, irreversible nature of ‚gender-affirming‘ medical and surgical interventions desired by the exponentially growing numbers of youth in the Western world. The recent changes announced by WPATH SOC8 - specifically the removal of minimum age limits for medical and surgical treatments, and the elimination of the 'distress‘ requirement by switching from DSM-5-TR to ICD-11 diagnostic criteria (Coleman et al., 2022; Robles García & Ayuso-Mateos, 2019; World Health Organization, 2019) - takes the field further in a truly extraordinary direction whereby any desired body modification desired by a child or a young person becomes automatically 'medically necessary'."


USA - AAP, ES und WPATH

Weder die großen amerikanische Medizinorganisationen AAP und ES noch die WPATH haben systematische Überprüfungen der Forschung durchgeführt. Die WPATH behauptet in ihren neuesten Standards of Care sogar, dass eine solche Überprüfung nicht möglich sei.

„WPATH’s recommendations rely on a single study from the Netherlands, which scholars have shown contains fatal flaws in methodology and is anyway inapplicable to the vast majority of teenagers seeking hormones and surgeries today.”

‘Trust the Experts’ Is Not Enough, L. Sapir, 17.10.2022


Der Elefant im Raum

Zu viele wichtige Punkte sind offen, die die Anwendbarkeit des Dutch Protocols bei ROGD-Jugendlichen infrage stellen. M. Biggs hat in seinem Vortrag (Biggs, 2022) einige formuliert:

  1. Werden Transsexuelle im Rahmen des Dutch Protocols diagnostiziert oder produziert?
    Haben wir es mit jugendlichen Transsexuellen zu tun oder machen Jugendliche durch die Behandlung (die alternative Wege verstellt) eine transsexuelle Entwicklung und warum?
    Warum gehen nahezu alle Jugendlichen, die mit Pubertätsblockern behandelt werden, zu Cross-Sex-Hormonen und teilweise auch zu Operationen über, während es bei Jugendlichen, die nicht mit PB behandelt werden, nur die Minderheit ist?
  2. Woher wissen wir, ob aus einigen dieser „Transsexuellen" nicht vielleicht schwule, lesbische oder bisexuelle Erwachsene würden oder schrullige heterosexuelle Erwachsene?
  3. Warum werden keine randomisierte Kontrollstudien und keine Tierversuche gemacht?
  4. Wie bringt man Aussehen, Sexualität und Fruchtbarkeit in Einklang?

2011 veröffentlichte Cohen-Kettenis eine erste Fallbeschreibung einer früh nach dem Dutch Protocol transitionierten Person (Fall B), 15 Jahre nachdem Abschluss aller Interventionen. B (biologisch ♀) war 2011 35 Jahre alt. Der Bericht macht deutlich, dass die ForscherInnen sehr fixiert waren auf das äußere Erscheinungsbild (auch vor allem die Körpergröße) und die messbaren Blutparameter. B äußerte aber auch deutliche Unzufriedenheiten, so dass es irritiert, dass dieser Fall als insgesamt positiv bewertet wurde:

» Auszug aus Einzelfall-Follow-up aus der Studie von P. Cohen-Kettenis:

Puberty Suppression in a Gender-Dysphoric Adolescent: A 22-Year Follow-Up, 2011

 


Die Diskussion um das Dutch Protocol erreicht die Politik in den NL

Die niederländische Oppositionspolitikerin und Ärztin Dr. Nicki Pouw-Verweij verlangt vom niederländischen Gesundheitsminister Dr. Ernst Kuipers, dass er Maßnahmen ergreift, um autistische Minderjährige vor der medizinischen Transition zu schützen. Dazu stellt sie die Fragen:

  • Woher kommen diese Mädchen?
  • Gibt es ein großes soziales Element, sind sie sogar tatsächlich transgender?
  • Leiden sie an Genderdysphorie oder spielen andere Dinge eine Rolle?

Der Philosoph Dr. Jilles Smids (Erasmus University Medical Centre in Rotterdam), sagte Bernard Lane, dass die Amsterdamer Klinik die Patientenautonomie vermutlich falsch verstanden habe.

Im Gesundheitswesen bedeutet Autonomie niemals das Recht, die Behandlung zu erhalten, die der Patient wünscht. Autonomie ist in erster Linie das Recht, auf der Grundlage einer korrekten Differenzialdiagnose eine informierte Zustimmung zu Behandlungen zu geben, die angezeigt sind." ... „Die Amsterdamer Ärzte sollten die begründete Gewissheit haben, dass ihre Behandlung unterm Strich den Jugendlichen nützt - solche Beweise gibt es leider nicht. Ich halte es daher für sehr wichtig, dass die Niederlande ihren Kurs ändern und dem jüngsten vorsichtigen und viel vernünftigeren Ansatz von Finnland und Schweden folgen.

'Stop this now, Minister' Once famous for caution, the Amsterdam gender clinic stands accused of undermining its own safeguards, Bernard Lane, 21.03.2023


Weitere Informationen

Weitere Informationen zum Dutch Protocol

Bereits 2021 versuchte einer der niederländischen Forscher, Dr. Thomas D. Steensma, die Reißleine zu ziehen:

Hört auf, unsere Forschung blindlings zu übernehmen

Auch melden sich sogar in den Niederlanden jetzt einzelne Detransitionierte, die z. B. am berühmten VUmc in Amsterdam und in Groningen (der Wiege des Dutch Protocols) versorgt wurden:

Es ist, als ob man aus einer Sekte aussteigt

Neuer ausführlicher Beitrag in den Niederlanden, in dem auch Detransitionierte zu Wort kommen:

De behandeling van transgender jongeren in Nederland werd geprezen. Nu groeit de kritiek op ‘the Dutch approach’, 24.02.2023

Europa: In den Niederlanden, wo die umstrittensten Maßnahmen für Kinder und Jugendliche entwickelt wurden, sind nun Zweifel aufgekommen.

The Uncertain Future of Gender Care for Teens in Europe, F. Klotz, 28.04.2023


Sponsoring

Bereits der niederländische Beitrag aus dem Jahr 2006, in der das Dutch Protocol erstmals beschrieben ist, wurde von der Firma Ferring Pharmaceuticals gesponsert.

"One more thing about the Dutch protocol is that Ferring pharmaceuticals was remarkably generous with financial support and that of course is the company that manufactures tryptophan." Biggs, YT, 2022

Maker of puberty blockers funded original study that led to 'gender-affirming care' for minors: Dutch investigative report, 05.01.2023

Pharma funding 'made no difference' A Dutch pioneer of puberty blockers joins the growing debate, Lane, 02.02.2022

Unterstützung durch Ferring: Beispiel

Auch in Deutschland findet Sponsoring durch Ferring Arzneimittel GmbH statt, z. B. für eine Pubertätsblocker und Hormone verschreibende Endokrinologin, Aktuelles Beispiel.


Bereits 2019 und 2021 gab es Kritik

Professor Carl Heneghan, Epidemiologe an der Uni Oxford in The Times und ehemaliger Chefredakteur des Brisish Medical Journals:

„You would think, when it comes to children, the testing and evaluation of medicines would be robust — ensuring the utmost safety. Well, you’d be wrong. The mess we have gotten ourselves into with the treatment of gender dysphoria in children and adolescents highlights all that is concerning with the present use and evaluation of powerful medicines in this age group.” „In my view, given the paucity of evidence, the off-label use of drugs that occurs in gender dysphoria largely means an unregulated live experiment on children.”

Doubts over evidence for using drugs on the young, 08.04.2019

Dr. William Malone, Endokrinologe (Twin Falls), zählte schon 2021 die ganzen Ungereimtheiten der Behandlung ROGD-Jugendlicher auf Basis des niederländischen Protokolls auf.

When the benefits of an intervention have not been shown to outweigh the risks, medical ethics dictate that such interventions should not occur outside of clinical trials. We must not conflate medical care for gender-dysphoric youth with experimental and risky interventions that are based on low-quality evidence. It's time to hit pause on gender transitions for youth.

Time to Hit Pause on 'Pausing' Puberty in Gender-Dysphoric Youth, William Malone, 17.09.2021


Die Studie des GIDS, die die positiven Ergebnisse des Dutch-Protokolls wiederholen sollte

Bekannt war bereits seit 2020, dass die einzige Wiederholungs-Studie in England (Carmichael u. a., 2021) die positiven Ergebnisse der Niederländer nicht erzielen konnte.

2023 gab es einer Re-Analyse der Daten der GIDS-Carmichael-Studie. Prof. Susan McPherson und David Freedman haben die Daten neu analysiert. Statt wie Carmichael einen Gruppendurchschnitt bzw. Mittelwert zu bilden, untersuchten sie die individuelle Entwicklung der einzelnen Jugendlichen.

Auf Basis von Selbstauskünften hatten sich nach 12 Monaten Pubertätsblocker-Injektionen 34 % der Jugendlichen zuverlässig verschlechtert, 29 % hatten sich zuverlässig verbessert und 37 % zeigten keine Veränderung. Es gab in der Studie keine Kontrollgruppe.

„However, what neither the original research paper, nor the re-analysis, can do is tell us why these young people fared so differently.”

Children on puberty blockers saw mental health change - new analysis, H. Barnes, BBC, 20.09.2023

Psychological outcomes of 12-15-year-olds with gender dysphoria receiving pubertal suppression: assessing reliable and clinically significant change, McPherson u. a., 08.08.2023

Das Niederländische Protokoll ist unhaltbar

Die niederländischen Journalisten Kuitenbrower und Vasterman schreiben zur Situation nach Veröffentlichung des Cass-Review-Abschlussberichtes, der auch Stellung nimmt zum Niederländischen Protokoll, das häufig im Rahmen von GD-Behandlungen referenziert wird.

„Vanaf de publicatie waren alle ogen gericht op de genderkliniek van het AUMC, de bakermat van deze behandeling. Het onderzoek dat de toets der kritiek niet kan doorstaan, werd hier verricht. De enige reactie die de kliniek publiceerde is verbijsterend. AUMC is het gewoon „niet eens” met de fundamentele wetenschappelijke kritiek en wijst op de „verschillende studies” die gunstige effecten hebben laten zien. Ja, dat zijn nu juist de studies waarvan Cass vaststelt dat zij zwaar onder de maat zijn!”

Ihre Schlussfolgerung ist:

„Hoog tijd dus voor een ‘audit’, niet naar de wetenschappelijke onderbouwing – die is er nu – maar naar de feitelijke praktijk. Hoe ziet het besluitvormingsproces in de spreekkamers eruit en op grond van welke overwegingen wordt besloten tot behandeling? Daarnaast zou op grond van de dossiers van de inmiddels duizenden patiënten onderzoek moeten worden gedaan naar de langetermijneffecten."

Dutch protocol in transgenderzorg is onhoudbaar, NRC, Kuitenbouwers, 28.04.2024