Streit über die Behandlung von GD-Teenagern

Die ZEIT greift aktuell den Disput auf, der auch in Deutschland in den letzten Wochen insbesondere durch den S2k-Leitlinienentwurf aber auch einige internationale Veröffentlichungen und „Enthüllungen” angefeuert wurde. Allerdings verwundert, dass von einem „Streit unter Medizinern" die Rede ist, da auch PsychologInnen, TransaktivistInnen und PolitikerInnen leidenschaftlich mitmischen. Der „mitten hinein in die komplizierte Gemengelage" veröffentlichte neue Leitlinienentwurf (LL) mit den Behandlungsempfehlungen - von der Kommission eifrig als „Quantensprung” angekündigt - sorgt für „ungewöhnlich lauten Streit”.

„Inzwischen scheint unsicher, ob und wann die Leitlinie überhaupt verabschiedet wird."

Immerhin hat der Dt. Ärztetag im Mai zur Vorsicht aufgerufen und entsprechende Petitionen verabschiedet. 15 Professoren haben einen ausführlichen Kommentar zur Leitlinie verfasst. 

Darf man die Pubertät stoppen? Die Zeit, 05.06.2024

Bemerkungen, die nachdenklich machen

Selbst einige gender-affirmative Behandler wie Dr. Achim Wüsthof, Endokrinologe aus Hamburg (über 1.000 transitionierte Jugendliche) und LL-Mitglied, äußern sich mittlerweile manchmal vorsichtiger als gewohnt:

„Ich bin hin- und hergerissen, ob diese Behandlung allen hilft.”

Gleichzeitig versucht er natürlich mit „der Erfahrung im Feld" und der „Einzelfallprüfung” zu punkten. Schließlich wird zwar zugegeben, dass es an „gesichertem Wissen” fehlt, gleichzeitig wird besonders die Einbindung der Familien für eine gute Entscheidung hervorgehoben.

Das ist einer der Momente, bei dem betroffene Eltern stutzig werden: Da kann doch etwas nicht ganz stimmen. Auf welcher Basis sollen denn Entscheidungen getroffen werden, wenn es an gesichertem Wissen fehlt? Soll da nicht vielmehr ein Experte oder eine Expertin bei Haftungsfragen hinsichtlich experimenteller Behandlungen entpflichtet werden? Pubertätsblocker (PB) und Cross-Sex-Hormone (CSH) sind noch immer im Off-Label-Use (auch „individueller Heilversuch” genannt), bei Transitionsmaßnahmen an gesunden Geschlechts- und Körperteilen sind Komplikation häufig. Und es geht in der routinemäßigen Kombi von PB und CSH um nicht weniger als Knochendichte, Infertilität, sexuelle Funktionsunfähigkeit, lebenslange Medikation und vieles - auch Unbekanntes - mehr, die die Zukunft der Minderjährigen betreffen.

Fakt ist, dass im S2k-Leitlinienentwurf Empfehlungen gegeben werden, ohne diese aus einer nach dem Grad der Sicherheit bewerteten Evidenzbasis herzuleiten und zudem Altersgrenzen als Minimal-Schutz für Jugendliche fallengelassen wurden. Das bedeutet: Alles ist möglich, wenn die Eltern und ein Therapeut es absegnen.

Mit den Pubertätsblocker wird die medizinische Transition gestartet

Prof. Dr. Florian Zepf erläutert ausführlich, warum er Pubertätsblocker als Standard-Versorgung ablehnt und zu einem sehr vorsichtigen Vorgehen à la Gr0ßbritannien rät. Er spricht unter anderem an, dass PB das Genitalgewebe schädigen können (Pubertätsblockierung verursacht Hoden-Atrophie).

Es geht aber auch um die Pubertät selbst

Professor Zepf spricht auch die entwicklungspsychologischen Aspekte an, gerade wenn es um Jugendliche geht, die sich erst in der Pubertät als transident definieren, ohne entsprechende Vorlaufgeschichte in der Kindheit:

„Wenn die Wissenschaft eines weiß, dann dass die Selbsteinschätzung von Kindern und Jugendlichen im Verlauf ihrer Entwicklung höchst veränderbar und von verschiedenen Faktoren beeinflussbar ist.”

Was ist mit schlechter Studienlage gemeint?

Schlechte Studienlage heißt nicht unbedingt, dass es zu wenig Studien gibt, sondern dass sie teilweise qualitativ minderwertig sind oder einfach keine positiven Ergebnisse hatten (wie die Britische Frühinterventionsstudie, die 2011 begonnen und 2021 veröffentlicht wurde (Carmichael u. a., 2021). Die S2k-Leitlinien-Kommission geht an vielen Stellen der Leitlinie davon aus, dass die Evidenzlage schwach ist. Trotzdem empfiehlt sie drastische medizinische Transitionsmaßnahmen für Minderjährige, ohne Evidenzbezug immer auf Basis von Konsens-Entscheidungen der Kommission und unter dem Label der „Einzelfall-Orientierung”. Das passt nicht zusammen.

Achim Wüsthoff verschiebt die grundsätzlichen Probleme der GD-Behandlung zum Schluss des ZEIT-Beitrags auf „schwarze Schafe, transaktivistische Psychologen”, die es auch in Deutschland gäbe:

„Bei denen kriegt jeder eine Indikation, der zur Tür reinkommt.”

Leider sagt er nicht, wie die EndokrinologInnen selbst vorgehen, wenn bei ihnen die Teenager mit ihren Indikationsschreiben vom Psychologen zur Tür reinkommen, demnächst noch zusätzlich gleich ihren geänderten Ausweis auf den Tisch legen und die medizinische Transition verlangen.

Das Problem der ExpertInnen-Verflechtung

Eine weitere Endokrinologin und ebenfalls Kommissions-Mitglied, Prof. Dr. Annette Richter-Unruh, behandelt stets ca. 700 Jugendliche mit PB- und CSH, obwohl sie als „Letztverantwortliche" für die Verordnung dieser Medikamente nicht immer von deren Transsexualität überzeugt ist:

"Mittlerweile denke ich aber, dass auch ein gewisser Hype hinzukommt: Zu uns kommen weibliche Jugendliche, die Probleme mit sich, Gott und der Welt haben, sie fühlen sich nicht richtig bei den Mädchen aufgehoben, sie haben Angststörungen, sie ritzen sich, sie haben Depressionen, und dann finden sie im Internet den Begriff Transgender. ...

Bei etwa der Hälfte der Jugendlichen bin ich von ihrer Transidentität nicht überzeugt, aber ich maße mir nicht an, dies zu beurteilen. Die Diagnose einer Transidentität stellt ein Kinder- und Jugendpsychiater oder ein Psychologe."

Es gibt einen Transgender-Hype, Interview in der FAZ, 2019


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