Das Recht auf eine Offene Zukunft

In einem neuen Beitrag erweitern die Autorinnen Sarah Jorgensen, Nicole Athéa und Céline Masson, die Debatte zur Pubertätsblockade bei Genderdysphorie über klinische und ethische Aspekte hinaus um den Blickwinkel des „Rechts des Kindes auf eine offene Zukunft". Das Prinzip der offenen Zukunft wurde von Joel Feinberg, einem amerikanischen Rechts- und Politikphilosophen vor über 40 Jahren eingeführt und seitdem auf diverse bioethische Fragen der Pädiatrie angewendet.

Die Autorinnen kommen nach ausführlicher Diskussion der gender-affirmativen Versorgung zu der Schlussfolgerung, dass das Recht auf eine „offene Zukunft" am ehesten damit vereinbar ist, Kinder erwachsen werden zu lassen, bevor sie mit der Transition fortfahren.

„Feinberg’s open future principle refers to rights that children do not have the capacity to exercise as minors, but that must be protected so they can exercise them when they reach maturity. These rights function as a constraint to ensure certain options are left open for the child as an autonomous adult.” (nach 1980, S. 76)

Feinberg erkannte,

„that the child’s future interests are not necessarily promoted by a policy of “protecting his budding right to self-determination”

Folgende Aspekte werden ausführlich diskutiert:

  • Was hat es mit der Pubertätsblockade als dem ersten Schritt einer KASKADE von medizinischen Interventionen auf sich und wie werden die positiven und negativen Auswirkungen gegeneinander abgewogen?
  • Gegenüberstellung des Prinzips der Offenen Zukunft und den Überzeugungen, die dem Modell der gender-affirmativen Versorgung zugrunde liegen.
  • Das Problem ohne objektive Tests oder Biomarker vorherzusagen, wie "sich das geschlechtliche Selbstbild und die 'embodiment goals' (Verkörperungziele) eines Kindes mit der Zeit entwickeln werden".
  • Die Problematik der Einwilligung in die potenziellen langfristigen gesundheitlichen und psycho-sozialen Folgen.
  • Zahlen zur Detransition und die Frage der Überdiagnose, Überbehandlung und iatrogenen Schädigungen.
  • Die Behauptungen, dass PB reversibel sind und die Tatsache, dass der langfristige Nutzen und Schaden wissenschaftlich noch immer ungewiss ist.
  • Der Sachverhalt, dass es sich nicht um einzelne eigenständige zeitlich begrenzte Interventionen handelt, sondern um eine Kaskade zunehmend invasiver Maßnahmen, die oft durch ihre Wirkung bzw. Folgen jeweils die nächste Maßnahme bedingen, euphemistisch auch als gender-affirmative "Reise" beschrieben.

They are often inappropriately triggered by factors such as an incomplete patient evaluation, underestimation of treatment risks, or bias toward action (Hoffmann & Del Mar, 2017; Mold & Stein, 1986), and once initiated, they are difficult to stop.

  • Die Abwägung von gegenwärtigen Zielen zu zukünftigen Zielen sowie den potenziellen Schäden der Behandlung.
  • Die Problematik der hormonellen Behandlung bezüglich Fertilität, Orgasmusfähigkeit und die Komplexität der fertilitätserhaltenen Verfahren.

„Because GnRH analogues halt gamete maturation, children started on these drugs at Tanner stage 2 of puberty who proceed to cross-sex hormones, as almost all do, will not be able to have biological offspring (Bangalore et al., 2019; Laidlaw et al., 2018; Rosenthal, 2021; Stolk et al., 2023), thus foreclosing what, for many, is their most important and defining life decision. Clinical experience also suggests that they might have impaired or absent sexual function as adults (Bowers, 2022)”

  • Die internationale Entwicklung bei der Behandlung von GD

„Health authorities in several European countries appear to have learned from past mistakes; after conducting systematic reviews of the evidence on puberty blockers for gender dysphoria and finding it to be of very low quality, at high risk of bias, and insufficient to support treatment recommendations, they are restricting these drugs to formal research protocols or 'exceptional' cases and instead prioritizing psychological support and treatment of coexisting psychiatric and neurodevelopmental problems (COHERE, 2020; Ludvigsson et al., 2023; NHS, 2023; NICE, 2020; Socialstyrelsen, 2022).”

  • Wie das Suizid-Narrativ benutzt wird, um medizinische Transitions­maßnahmen als "medizinisch notwendige, lebensrettende Behandlung darzustellen".
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass die langfristigen Interessen eines Kindes 'nicht durch die Bestimmungen [seiner] gegenwärtigen Wünsche ermittelt werden können'.

To believe otherwise ignores decades of empirical evidence in child and adolescent developmental psychology.

Schlussfolgerung

Die Autorinnen kommen zu dem Ergebnis, dass ein Hinauszögern der medizinischen Transition bis ins autonome Erwachsenenalter am ehesten mit dem Prinzip der Offenen Zukunft von Heranwachsenden vereinbar wäre.

While our focus is puberty blockers, many of our arguments could be applied to other medical interventions for pediatric gender dysphoria, including cross-sex hormones and surgery.

Der Beitrag enthält sehr verdichtet viele einzelne interessante Aspekte, Zusammenhänge und Belege, sodass er sich kaum zusammenfassen lässt, bitte lesen Sie daher den ausführlichen Beitrag selbst:

Puberty Suppression for Pediatric Gender Dysphoria and the Child’s Right to an Open Future, Jorgensen, Athéa Masson, 02.04.2024

 


Der Wunsch, ein anderes Gender/Geschlecht zu sein, ist oft vorübergehend

Akzeptanz statt Chirurgie


Pubertätsblockierung verursacht Hoden-Atrophie

Eine neue Studie der Mayo Clinic könnte entscheidend zur Schließung der Wissenslücken beim Einsatz von Pubertätsblockern im Zusammenhang mit Genderdysphorie beitragen. Die Forscher fanden leichte bis schwere Atrophien der Hoden von Jungen, die Pubertätsblocker anwenden.

Die Mayo Clinic hat eine sehr große Sammlung von Hodenproben von Patienten im Alter von 0 bis 17 Jahren sowie eine Datenbank über 130 000 individuellen Zellen, die analysiert und verglichen werden können. Zu den Proben von Jungen, die Pubertätsblocker bekamen, gab es die Mehrzahl von Proben von solchen ohne Pubertätsblockierung, die zur Kontrolle herangezogen werden konnten.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Pubertätsblocker möglicherweise dauerhafte Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit haben, was die Behauptungen zur „Reversibilität“ infrage stellt.

Puberty Blocker and Aging Impact on Testicular Cell States and Function, Murugesh u. a, 27.03.2024

New Mayo Clinic study finds mild to severe atrophy in testes of boys on puberty blockers, C. Buttons, 04.04.2024