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Deutschland: Haben die Erwachsenen endlich den Raum betreten (zumindest an den Universitäten)?

Während die politischen Spannungen in Deutschland zunehmen, beschreibt Lisa Müller einen aktuellen Fall, in dem sich die Wissen­schaftsfreiheit gegen die Cancel Culture durchgesetzt hat. Erstver­öffent­lichung bei Genspect, 08.08.2026 (Engl. Version)

Der Cancelling-Versuch transaktivistischer Studenten gegen die Entwick­lungs­psychologin Prof. Dr. Ute Johanna Bayen an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität mündete in der vergangenen Woche in ihrer Unterstützung durch die Universitätsleitung sowie in einer geharnisch­ten öffentlichen Stellungnahme pro-Wissen­schafts­freiheit des „Fakultätentags Psychologie“ (Zusammenschluss von 66 Psychologie-Instituten an deutschen Universitäten).

Frau Bayen war zur Zielscheibe einer breiten Front aktivistischer Studenten geworden, sogar der RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) eine Organisation mit Nähe zu den regierenden Christ­demokraten, machte mit. Anlass war, dass die Studenten Kenntnis erhalten hatten von einer Mail, in der Frau Bayen ihre reguläre Vorlesung für Bachelor-Studenten angekündigt hatte und in der sie den Begriff „Trans-Ideologie“ verwendete.

Die Studentengruppen verlangten die sofortige Kündigung der seit 2007 verbeamteten Professorin und ein Betretungsverbot des Campusgeländes. Eine weitere Forderung: alle bisherigen wissen­schaft­lichen Publikationen der Professorin sollten überprüft werden. Dass Frau Bayen, wie alle anderen Wissenschaftler, ihre Publikationen in Peer Review-Verfahren der Überprüfung der wissenschaftlichen Fachgemeinschaft überlässt, scheint ihnen nicht bewusst zu sein oder sie hielten ihr eigenes Urteil für gewichtiger als das der Wissen­schaftsdisziplin.

Doch die Wirkung des Aufrufs fiel anders aus als von den Studenten erwartet. Universitätsrektorin Anja Steinbeck und die Universitätsver­waltung ermöglichten durch die Organisation von Polizeischutz und den Umzug der Vorlesung in einen größeren Hörsaal die reguläre Durchführung der Lehrveranstaltung am Dienstag, den 21. Juli 2026.

Die Nachricht vom Cancelling-Versuch hatte sich über das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ rasch in den sozialen Medien verbreitet und wurde anschließend in einigen konservativen Medien aufgegriffen. Der Fall weckte Erinnerungen an die Berliner Biologin Marie-Luise Vollbrecht, die 2022 an der dortigen Humboldt-Universität im Rahmen der Berliner „Langen Nacht der Wissenschaft“ einen populärwissen­schaftlichen Vortrag über Zweigeschlechtlichkeit hatte halten wollen. Weil Frau Vollbrecht den Trans-Aktivisten aus ihrer radikalfeministi­schen Twitter-Präsenz bekannt war, versuchten diese den Vortrag zu verhindern – und hatten Erfolg damit. Die Universität sagte den Vortrag mit der Begründung von Sicherheitsrisiken ab. Dies war der Auftakt für eine jahrelange aktivistische Hetzjagd gegen die befristet angestellte Doktorandin.

Die Düsseldorfer Rektorin schlug einen anderen Kurs als ihre Berliner Amts­kollegen ein. Frau Steinbeck wurde im Magazin CICERO folgendermaßen zitiert:

„Es ist nicht akzeptabel, jemanden im Vorfeld zum Schweigen zu bringen.“ Wissenschaftlichen Argumenten müsse man mit wissenschaftlichen Argumenten begegnen – „und nicht dadurch, dass man die Debatte komplett verhindert“.

Bestimmte Ideen gelten als unantastbar

Eine normale Vorlesung wurde es dennoch nicht. Neben den 200 Demon­stran­ten vor dem Hörsaalgebäude verschafften sich die Aktivisten auch im Vorle­sungs­saal Gehör, indem sie während der gesamten 90 Minuten immer wieder buhten und brüllten. Getriggert wurden die Aktivisten laut CICERO von Sätzen wie diesen:

„Es gibt zwei biologische Geschlechter.“

„Es gibt eine niedrige Evidenzqualität dafür, dass Pubertätsblocker die psychische Gesundheit verbessern.“

„Diese Operationen an den Geschlechtsteilen sind Eingriffe in gesunde Körper“.

Auch die Nennung von Lisa Littman’s Studie über „Rapid-Onset-Gender-Dysphoria“ und der Erklärungsansatz der sozialen Ansteckung als möglicher Grund für den Anstieg der Fallzahlen sei mit Protest und dem Vorwurf von „Unwissenschaftlichkeit“ quittiert worden, obwohl Frau Bayen die alternative Erklärung (Entstigmati­sierung) ebenfalls nannte. Hier habe, so CICERO, die Professorin den Begriff „Ideologie“ dann tatsächlich einmal verwendet, indem sie verdeutlichte, dass genau das doch unter einer Ideologisierung zu verstehen sei: dass manche Dinge nicht gesagt werden dürfen, weil eine Theorie jeder Kritik enthoben werden soll.

fer troulik YQewkLKlmY4 unsplash Düsseldorf Ob sich die Gemüter in Düsseldorf in der nun anstehen­den Prüfungsphase und den Semester­ferien beruhigen, ist abzuwarten. Sehr ernüchtert durch die Ereignisse dürfte aber Max Fockenberg, der Vorsitzende der Düssel­dorfer RCDS-Gruppe, sein. Das Mitmachen bei links-identitären Schlachten führte bei ihm zu einer steilen Lernkurve: Er trat im Verlauf der Woche von seinem Amt im Landesvorstand Nordrhein-Westfalen zurück.

Dass den studentischen Aktivisten nicht bekannt ist, wie wissen­schaft­licher Diskurs und politische Debatte in der Bundesrepublik üblicher­weise organisiert sind und welchen verfassungs­mäßigen Rang die Wissenschaftsfreiheit hat, ist vielleicht noch entschuldbar.

Grund zum Optimismus trotz tief verwurzelter politischer Spaltungen

Bezeichnend ist jedoch, dass auch 2 Bundestagsabgeordnete, die Transfrau Nyke Slawik (GRÜNE Partei) und die non-binäre identifizierte Lizzy Schubert (linksradikale Partei DIE LINKE) sowie der Düsseldorfer Vorsitzende der Partei SPD (Sozialdemokraten) im Anschluss auf Sozialen Medien ins gleiche Horn wie die Studenten bliesen und der Professorin Unausgewogenheit unterstellten. Wie in diesen Parteien üblich, gaben sie der angeblichen „Transfeindlichkeit“ der Universität eine Mitverantwortung für die behaupteten zunehmenden Anfeindun­gen gegen „queere“ Menschen in Deutschland. Dieses Argumen­tations­muster zielt auf die Umfrage- und Wahlerfolge der „Alternative für Deutschland“ ab, die sich als einzige in Parlamenten vertretene Partei konsistent gegen Transaktivismus stellt und die affirmative Behandlung infrage stellt. Die Fronten sind lange klar und sie bewegen sich keinen Zentimeter.

Dennoch macht die Causa Bayen Hoffnung, denn mit einer robusten Antwort der Wissenschaftsdisziplin Psychologie konnte niemand rechnen, der in den letzten 10 Jahre das Agieren von Psychothera­peuten im Trans-Bereich erleben musste. In der Stellungnahme des Fakultätentags Psychologie heißt es unter anderem:

„Mit großem Befremden hat die Leitung des Fakultätentages Psychologie zur Kenntnis genommen, dass mehrere Studierendenverbände an der Universität Düsseldorf das Verbot einer Vorlesungsveranstaltung von Frau Prof. Dr. Ute Johanna Bayen sowie die Entlassung unserer Kollegin aus dem Dienst der Universität gefordert haben. Solche Forderungen und Vorgehensweisen sind mit der Wissenschaftsfreiheit in einem demokra­tischen Gemeinwesen unvereinbar."

realist university 5025 1000realist pixabayJedem steht es frei, zum Vortrag einer Wissenschaftlerin oder eines Wissen­schaftlers Stellung zu nehmen, nachdem er oder sie ihn ge­hört hat. Jedem steht es frei, mit der betreffenden Wissenschaft­lerin oder dem betreffenden Wissen­schaftler darüber zu diskutieren (wie es Frau Prof. Bayen auch angeboten hat). Wer sich dann an den Aus­sagen stört, kann auch von seinen demokratischen Rechten der öffentlichen Meinungsäußerung oder des Demonstrierens Gebrauch machen. Unser Wissenschaftssystem und unser Staatswesen halten geregelte und zivilisierte Wege des Austausches und auch der Wider­­rede bereit. Wer diese Wege verlässt, der dokumentiert dadurch, dass ihm an einem Diskurs in der Sache nicht gelegen ist. […]“

               

Quellen

 

Mehr …

Nachdem die Vorlesung gehalten worden war, nahm die Rektorin, Prof. Dr. Anja Steinbeck, im Namen der Hochschulleitung noch einmal Stellung:

„Die Freiheit von Forschung und Lehre ist ein Grundrecht, das zu den tragenden Säulen unserer demokratischen Ordnung zählt. Aus dieser Verantwortung heraus wird das Rektorat der Heinrich-Heine-Universität wissenschaftliche Positionen nicht zensieren. Ob einzelne Inhalte den Maßstäben guter wissenschaftlicher Praxis und dem aktuellen Forschungsstand genügen, ist eine Frage, die in erster Linie im wissenschaftlichen Diskurs zu klären ist, nicht jedoch durch eine Entscheidung 'von oben'.“

Statement des Rektorats der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 04.08.2026

 

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