Wer nicht fragt, muss glauben

AdobeStock 63317365 hinterfragen alles glaubenWenn es um die medizinische Behandlung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Geschlechtsdysphorie geht, verzichten viele deutsche JournalistInnen bei Experteninterviews auf entscheidende Fragen.

Wir finden das unangemessen.

In einer Eigenwerbung erklärt die BBC, was im Journalismus wichtig ist: nicht nur Fragen stellen, sondern Antworten hinterfragen. Das können JournalistInnen nur dann, wenn sie sich vor einem Interview gut informieren. Wichtig ist das vor allem bei komplexen und kontroversen Themen, wie der medizinische Behandlung von Heranwachsenden nach dem Dutch Protocol - also mit Pubertätsblockern, gegengeschlechtlichen Hormonen und chirurgischen Eingriffen. Doch selbst in Medien, die ähnlich hohe Ansprüche an sich stellen dürften wie die BBC, erscheinen zu diesem Thema Wortlautinterviews, die diesen nicht gerecht werden.

Exemplarisch zeigen wir das an einem Interview im Magazin der Süddeutschen Zeitung (6/2023) und einem im Spiegel (4/2024). Interviewpartner ist Prof. Dr. Georg Romer. Er ist ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Münster und hat das Center for Transgender Health dort mitbegründet. Zudem ist er Vorsitzender der Kommission, die eine neue Leitlinie zu Geschlechtsinkongruenz und  -dysphorie im Kindes- und Jugendalter erarbeitete. Dass Journalistinnen ihn als Experten interviewen, wundert nicht. Dass sie auf so viele Rückfragen verzichten, schon. Damit blenden sie zentrale Informationen aus und verzichten darauf, Romers Aussagen einzuordnen. Wir holen hier ein paar wichtige Rückfragen nach. Der Fairness halber nur solche, die man zum Zeitpunkt der Interviews bereits hätte stellen können und müssen.

Im SZ-Magazin erklärt Romer zu Beginn: Nach „heutigem besten Wissen haben wir die klare Vorstellung“, dass eine körperdysmorphe Störung (bei der bestimmte Körpermerkmale nicht ertragen werden) eine „Krankheit“ sei, bei der „die Sehnsucht nach Optimierung“ nicht nachlasse, wenn man durch chirurgische Eingriffe nachgebe. Bei Geschlechtsinkongruenz „beobachten wir genau das Gegenteil“. Sei der Körper dem empfundenen Geschlecht „angeglichen“, werde ein „normalgesundes Leben“ oft erst möglich. Beide Interviewerinnen arbeiten im Wissenschaftsressort. Fragen haben sie dazu nicht. Wir schon.

In der nächsten Antwort bleibt eine Erklärung stehen, die so nicht stimmt. Romer gibt an, gemeinsam mit Fachleuten und Betroffenen eine S3 Leitlinie zu erarbeiten, welche auf einem „sehr breiten Experten- und Expertinnenkonsens“ basiere.

Eine evidenzbasierte Leitlinie kam, wie wir heute wissen, nicht zustande. Der nun vorliegende S2k-Leitinienentwurf beruht auf Konsens. Er hat aber nicht die im Interview proklamierte „höchste Qualitätsstufe“.

Auf die „große Uneinigkeit“ über die Behandlung in der „öffentlichen Debatte“ angesprochen, verweist Romer zunächst darauf, dass im Leitlinien-Gremium „über 100 Jahre ausgewiesene Behandlungserfahrung mit Jugendlichen“ steckten. Weil ihm keiner in die Parade fährt, bleibt offen, was er damit meinen könnte. Schwer vorstellbar, dass er einen solchen Erfahrungsschatz für die medizinische Behandlung von Teenagern mit Geschlechtsdysphorie reklamiert. Medikamente, die heute als Pubertätsblocker bezeichnet und als solche eingesetzt werden, wurden erst vor etwa 40 Jahren für völlig andere Krankheiten entwickelt und sind auch nur für diese zugelassen. Selbst chirurgisch-medizinische Eingriffe bei Erwachsenen haben keine 100-jährige Tradition, sieht man von – nicht immer gelungenen – Einzelexperimenten ab.

Ohne unterbrochen zu werden, erklärt Romer, eben dieses Leitlinien-Gremium habe „die komplette internationale Studienlage“ kritisch im Blick. Es gäbe „abweichende Einzelpositionen“. Doch dass die Fachwelt sich nicht einig sei, sei ein „die Wirklichkeit verzerrendes Narrativ“.

Statt Romer mit der konkreten Kritik zu konfrontieren, fragen die Interviewerinnen allen Ernstes, worin die Kontroverse bestehe. Dann machen sie dem Mediziner, der nach eigenem Bekunden die Behandlung seit 20 Jahren praktiziert, Platz, diese und sich selbst zu rechtfertigen: Abwarten sei keine „neutrale Option“.

Es würde wundern, wenn Romer die internationale Studienlage nicht kennt. Schade, dass es Christina Bernd und Vera Schroeder nicht tun (Letztere schreibt auch in aktuelleren Texten auffällig uninformiert und einseitig über das Thema). Aus diesem Grund kann sich Romer – nach der „wissenschaftlichen Basis“ seiner Arbeit gefragt - auf „Erkenntnisse aus den bisherigen Verlaufsstudien“ berufen, „die sich am Dutch Protocol orientiert und immer weiter verdichtet haben.“ Die Redakteurinnen fragen nicht, welche „Verlaufsstudien“ er meint und stattdessen: „Was genau ist dieses Dutch Protocol?“ Kurz hofft man, die Frage sei rein rhetorisch.

Das Dutch Protocol ist die Grundlage der heutigen Behandlungspraxis mit Pubertätsblockern, Hormonen und Operationen. Eine Praxis, die sich insbesondere durch eine Längsschnittstudie in der Welt verbreitete. Deren Ergebnisse zeigten Mitte der 2010 Jahre, dass es Teilnehmenden nach der Behandlung psychisch gut ging. Romer wird nicht mit der bereits vorliegenden wissenschaftlichen Kritik an Praxis und Studie konfrontiert. Statt dessen kann er erklären, Jugendliche hätten in den Niederlanden eine „qualifizierte“ Hormonbehandlung erhalten und als man die „Gruppe dann weiter begleitete und im Alter von 25 Jahren aufwärts nachuntersuchte“, seien „psychische Gesundheitsprobleme“ nicht häufiger gewesen als in der Durchschnittsbevölkerung.

Es stimmt, wenn Romer im Interview erklärt, die Erkenntnisse der Niederländer hätten ein Umdenken in der Fachwelt eingeleitet. Nur tut er das zu einem Zeitpunkt, als ein Umdenken vom Umdenken dort längst eingesetzt hat - selbst in Deutschland, wo das Ärzteblatt 2022 über eine Debatte unter Kinder- und Jugendärzten und -psychiatern berichtete. Warum Romer hier nicht up to date ist oder sein möchte, klärt das Interview nicht.

Statt dessen lassen die Interviewerinnen eine besonders heikle Aussage von ihm einfach stehen: Eine „aktuelle Zahl“ aus den USA besage, dass 40 Prozent aller erwachsenen trans Personen mindestens einen Suizidversuch hinter sich hätten, und die niederländischen Kollegen lieferten den ersten Hinweis, das „könne sich verhindern“ lassen, wenn man „früh genug“ eingreife.

Warum, fragt man sich, erscheint dieses Interview? Um aufzuklären? Kaum. Als Romer gefragt wird, wie oft er „falsch“ lag, wie oft Menschen, die in Münster transitionierten, dies später rückgängig machen wollten, sagt er: „Wir begleiten unsere Patienten meist über mehrere Jahre und wissen bisher von drei Fällen - bei mehr als 600 behandelten Jugendlichen in den vergangenen zehn Jahren“. Das Risiko einer Detransition sei im Übrigen größer, würden Personen erst im Erwachsenenalter behandelt.

Ohne nachzuhaken, rattert das Interview über (recht spekulative) Möglichkeiten für Biomarker für trans Identität zum Anstieg der Fallzahlen. Dass Jugendliche doch auch von „Gruppendruck“ beeinflussbar sind, stellen die Interviewerinnen fest, was immer sie mit „Gruppendruck“ hier meinen. Doch Romer redet lieber über Kinder. Manche zeigten mit Beginn des Sprachalters klar, dass sie sich „anhaltend im anderen Geschlecht“ fühlten. So „eindeutige Fälle“ einer „sich früh zeigenden Transgeschlechtlichkeit“ würden uns „lehren“: „Das ist in diesen Kindern angelegt, weder erzieherische Faktoren noch soziale noch das Internet haben dabei irgendeine Rolle gespielt.“ Diese Behauptung bleibt stehen.

Romer muss solche Irritationen nicht klären. Selbst mit kritischen Fragen, schaffen die JournalistInnen so Raum für den Interviewten, im besten Lichte zu glänzen. Für Familien, die sich fragen, was plötzlich mit ihrem Jugendlichen los ist, ist das wenig informativ. Vielleicht hat dieses enorm lange SZ-Interview den Anspruch informativ zu sein, gar nicht. Ebenso wenig wie ein aktuelleres im Spiegel: Hier wird Georg Romer kurz nach Erscheinen des britischen Cass-Reviews gebeten, dessen Bedeutung für Deutschland einzuordnen. Auch hier hakt die Wissensredakteurin selten nach. Am Ende scheint somit selbst die Wahl des Interviewpartners verfehlt.

Ob er jetzt „seine“ Leitlinie ändern müsse, ist die erste Frage. „Keineswegs“, die Antwort. Romer spricht von „graduellen Unterschieden“, die „teilweise aufgebauscht“ würden, von „vielen Übereinstimmungen“ der deutschen Leitlinie mit dem Cass Review. Viel genauer werden weder Übereinstimmungen noch Differenzen besprochen. Schade, denn der britische Bericht unterscheidet sich erheblich vom deutschen Leitlinienentwurf, sowohl in seiner peniblen und kritischen Diskussion der wissenschaftlichen Grundlagen (dem Prüfen der Evidenz) als auch in seinen Empfehlungen (beispielsweise Medikamente nur noch im Rahmen von Studien auszugeben, Operationen für Minderjährige auszuschließen, auch bei sozialer Transition Vorsicht walten zu lassen). 

Spätestens seit dem Cass-Review hat jeder, auch die Spiegelredakteurin (die schon früher wenig urteilsfähig zum Thema schrieb) glaubwürdig schwarz auf weiß, dass es keine vernünftigen Langzeitstudien über die Auswirkungen einer früh eingeleiteten, medizinischen Behandlung gibt. Gefragt, warum es so „wenige“ Langzeitstudien gäbe, antwortet Romer: Diese seien „aufwendig“ und müssten „nachhaltig finanziert“ werden. Sie würden „jetzt zunehmend“ durchgeführt. Dann verweist er auf langjährige Behandlungspraxis und Erfahrung, als könne das wissenschaftliche Evidenz ersetzen: „Wir behandeln Jugendliche seit 25 Jahren und haben entsprechend viele ins Erwachsenenalter begleitet“. „Denkbare Langzeitschäden“ tauchten bisher nicht nennenswert auf.

Bei dieser Antwort ließe sich mit Rückfragen ein ganzes Interview bestreiten. Denn Romer beschwichtigt darin auch: In der Medizin sei nun mal üblich, dass sich eine „sogenannte ‚Best Practice‘ vorläufig auf der Basis klinischer Erfahrungen weiterentwickelt und Studien dies durch Evidenz nach und nach bestätigen oder modifizieren“. Weder mit dem Satz noch mit dessen Aussage scheint die Medizinjournalistin Veronika Hackenbroch Probleme zu haben.

Der Cass-Review untersuchte die Behandlungspraxis in England. Ob und in welcher Hinsicht diese in Deutschland besser sein könnte, scheint den Großteil deutscher JournalistInnen selbst nach Erscheinen des Cass Reviews nicht zu interessieren. Der Spiegel will nur wissen, ob Professor Romer selbst auch wissenschaftliche Studien durchführe. „Ja“, kann er antworten, Ergebnisse noch in diesem Jahr. Worüber Romer forscht und wie relevant das im Hinblick auf die Evidenz der Behandlung ist, interessiert die Redakteurin komischerweise nicht. Schade, man hätte gern gewusst, ob Hilary Cass nach Veröffentlichung seiner Studien womöglich ihren Report umschreiben muss.

Auch auf Statistik darf sich Romer beziehen, ohne sie offen legen zu müssen. Darauf angesprochen, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen steigt, die sich „unwohl im eigenen Geschlecht“ fühlen (und diese „große psychische Probleme“ mitbrächten), mahnt Romer: Es gelte sorgfältig zu unterscheiden - zwischen Jugendlichen, die „queere Lebensstile vorübergehend ausprobieren“ und „realen Behandlungszahlen“. Diese Zahlen nennt er aber nicht. Und nicht einmal, als er sagt, sie seien in den vergangenen zehn Jahren „deutlich“, aber in „moderatem Maße“ gestiegen, wird er darum gebeten. Das wirft Fragen auf, auch weil Romer im selben Interview sagt, dass bei „jeder Erstbegegnung“ bereits Diskriminierungserfahrungen im Raum stünden. Dass man von der Idee weg müsse, dass Mediziner definieren, wer trans sei. Dass er im Wartezimmer bereits die korrekte Ansprache erfrage.

Den erstaunlichen Umstand, dass es systematische Erhebungen über die medizinische Behandlungen Minderjähriger hierzulande nicht gibt, hält die Journalistin nicht einmal in einer Frage fest. Romer kann in diesem – dem Cass-Review gewidmeten  - Interview noch behaupten: Dass bei Erwachsenen eine „körpermodifizierende Behandlung zur Geschlechtsangleichung“ unbestritten „psychische Gesundheitsprobleme“ reduziere. Die „vorhandenen Daten“ würden klar in die Richtung weisen, „dass dies bei Jugendlichen auch so ist“. Am Ende darf er sich noch eine „Versachlichung der Debatte innerhalb der Fachwelt“ wünschen.

Fairerweise muss man sagen, dass manche Medien überhaupt nicht zum Thema recherchieren oder darüber berichten. Doch besser als an diesem Stück lässt sich kaum zeigen, was die BBC meint. Es ist völlig überflüssig, dass die Spiegelredakteurin selbst festhält: Das Thema sei ein „ideologisches Minenfeld“, daher gerate, „wer im Internet als Laie nach objektiven Informationen sucht“ schnell zwischen die Fronten. Bei solch einer Interviewvorbereitung und  -führung ist es kaum besser, den Spiegel zu lesen. Objektive Informationen liefert dieser Text nicht.

„Wer nichts weiß, muss alles glauben.“

Das war eine kluge Beobachtung von Marie Ebner-Eschenbach. Doch wenn Journalisten statt Recherchen und informierten Rückfragen lieber Glaubensbekenntnisse veröffentlichen, ist das nicht nur ihr Bier. Für Kinder und Jugendliche steht viel auf dem Spiel. Sie und ihre Eltern haben ein Recht auf ehrliche und umfassende Information.