Ansteckung durch Social Media nachgewiesen

eye 1686932  pixabayBei einem 2019 neu aufgetauchten Tic-Phänomen konnte nachgewiesen werden, dass sich Teens offensichtlich durch die Beschäftigung mit bestimmten Youtube-Kanälen (Start ebenfalls 2019) 'infizieren' können. Sie litten nicht unter individuellen Tics, sondern zeigten genau die Symptome, die auf bestimmten YT-Kanälen präsentiert werden.

Kann man sich auf Social Media anstecken? YT, KindermedienlandBW, 01.12.2021

Stop that! It’s not Tourette’s but a new type of mass sociogenic illness, Müller-Vahl, 23.08.2021

MSMI im Vergleich zu Tourette

Die funktionale oder dissoziative Störung mit tourette-ähnlichen Symptomen wurde von Prof. Dr. Müller-Vahl (MH Hannover), Spezialistin für Kinder mit Tourette-Syndrom, als MSMI (mass social media-induced illness) bezeichnet. Sie erklärt die Diagnostik der neuen funktionellen Tic-Störung im Vergleich zu Tourette sowie die Unterschiede in der Symptomatik und Behandlung s. Tabelle.

Sieht wie Tourette aus, ist es aber nicht, DLF, 21.10.2021

Wie funktioniert Ansteckung durch Social Media?

Auf der Suche nach Ursachen für das neuartige MSMI-Phänomen ist den ExpertInnen in Hannover ein bestimmter deutschsprachiger YT-Kanal aufgefallen. Unter anderem benutzen die Jugendlichen Ausdrücke dieses Youtubers, die sehr spezifisch sind, wie „Pommes" oder „fliegende Haie".

Früher dachten die Experten, dass eine persönliche Bekanntschaft oder Kontakt die Voraussetzung für eine Massen-Krankheit wäre.

"seitdem es Soziale Medien gibt, denken wir nun anhand diesem Beispiel deutlich machen zu können, dass man auch via Social Media, ob nun Youtube oder TikTok mit Personen so eng in sozialen Kontakt treten kann, dass diese Ansteckung möglich ist, von der man vorher dachte, dass dafür wirklich ein persönliches Treffen erforderlich ist. (Müller-Vahl, 01.12.2021)"

Zur Ansteckung durch Soziale Medien sind laut Prof. Dr. Müller-Vahl immer Identifikation und emotionale Bindung notwendig:

"Unsere Patienten hatten zwar keinen direkten persönlichen Kontakt zu Jan Zimmermann oder untereinander, aber sie hatten indirekten Kontakt zu Jan Zimmermann in Form einer starken Identifikation. Die Patienten berichteten, dass sie Jan Zimmermann für seinen offenen Umgang mit dem vermeintlichen "Tourette-Syndrom" bewundern und dafür, dass er trotz seiner Erkrankung erfolgreich ist, was starke Emotionen hervorruft" (Müller-Vahl, 01.12.2021)

Außerdem ist bei den Teens, die sich durch Social Media mit einer Idee oder einer dissoziativen Störung infizieren, immer eine bestimmte Vulnerabilität vorhanden. Es wurde beobachtet, dass sie beispielsweise von Ängsten, Depressionen, leicht autistischen Zügen, ADHS, Körperbildproblemen oder auch von konkrete belastenden Situationen wie Lebenskrisen, bevorstehende Operationen, Scheidung der Eltern, Umzug, Lockdowns, Mobbing betroffen sind.

Tics erfüllen für manche Teenager kurzfristig bestimmte „psychologische Bedürfnisse”:

"Teenagers with them might be able to skip school, or to limit unwanted or stressful activities. They can make friends online, and find a ready-made community. They receive attention and sympathy from their families and from strangers on the internet. Those with coprolalia can break taboos without consequences: Gisela made me do it. (A disorder where you can swear and use slurs in public seems almost comically apt for the age of cancel culture.)
Hartmann said that making Tourette’s content could be, in some cases, 'the ultimate freedom. Suddenly you can behave like a jerk, and people will even congratulate you, and become subscribers to your YouTube channel.'” (Lewis, 2022)

Während manche MSMI-Patienten durch die Stellung der richtigen Diagnose praktisch geheilt sind und relativ schnell mit den Tics aufhören können, wird von einzelnen berichtet, dass sie Nervenzusammenbrüche und ähnliches erleiden, wenn sie aufgefordert werden, bestimmte Social-Media-Kanäle zu pausieren bzw. zu beenden. Nach Tammy Hedderly, Londoner Neurologin, zeigt das, wie viel ihnen die Online-Community bedeutet.

"When patients who have built an identity on being a Tourette’s influencer discover they do not have Tourette’s, Müller-Vahl said, she faces a poignant question: 'I am asked: ‘How do I tell my followers?’ '” (Lewis, 2022)

Parallelen zu Gender-Themen

Bereits Lisa Littman hatte in ihrer Studie zu ROGD 2018 den Einfluss von sozialen Medien thematisiert, der bei Gender-Problemen eine Rolle spielt. Das Phänomen der Transidentifizierung bei Jugendlichen tauchte zudem erst auf, seit Kinder als Digital Natives aufwachsen.

"Ich bin mir aber sehr sicher, dass es zu anderen Phänomenen auch solche Zusammenhänge gibt, wo es vielleicht noch nicht so klar gelungen ist, das zu identifizieren." (Müller-Vahl zur Ansteckung über Social Media, 2021)

Littman hatte in ihrer Studie zur erhöhten Exposition gegenüber sozialen Medien/Internet bzw. zu 'Binge-Watching' Zahlen ermittelt und festgestellt:

"Parents describe a process of immersion in social media, such as 'binge-watching' Youtube transition videos and excessive use of Tumblr, immediately preceding their child becoming gender dysphoric. These descriptions are atypical for the presentation of gender dysphoria described in the research literature and raise the question of whether social influences may be contributing to or even driving these occurrences of gender dysphoria in some populations of adolescents and young adults."

Ansteckung durch Social Media auch bei Essstörungen

A Biopsychosocial Model of Social Media Use and Body Image Concerns, Disordered Eating, and Muscle-Building Behaviors among Adolescent Girls and Boys, Rodgers u. a., 2020

The relationship between social media use and disordered eating in young adolescents, Wilksch u. a, 2019

International

Während das durch Social Media indizierte Tic-Phänomen von Prof. Dr. Müller-Vahl Mass Social media-induced Illness (MSMI) genannt wurde, heißt es in einer parallel erschienen internationalen Studie zurzeit Rapid Onset functional tic-like Behaviors (FTLB).

Nicht nur in Deutschland, sondern auch international wurden erhöhte Fallzahlen festgestellt. Bei den Pariser Experten tauchten sogar betroffene Teens von abgelegenen pazifischen Inseln auf, die aber mit dem Internet verbunden sind. In der internationalen Studie, die allerdings nur 20 Fälle von FTLB beleuchtet, handelt es sich zu 95 % um Mädchen, während das Geschlechterverhältnis  in der deutschen Studie (Müller-Vahl, MHH) ausgeglichen war. Das liegt wahrscheinlich daran, dass in Deutschland der Haupt-Influencer männlich ist und in den anderen Ländern die meisten Influencer weiblich sind.

Während die internationale Studie genau zur COVID-Pandemie stattfand, hat Müller-Vahl festgestellt, dass es das Phänomen in Deutschland bereits 2019 (ca. 1 Jahr vor der Pandemie) gab, kurz nachdem im Februar 2019 der Hauptinfluenzer startete, der innerhalb von 3 Monaten bereits 1 Mio. Abonnenten hatte, 2022 waren es 2,2 Mio.

Rapid Onset Functional Tic-Like Behaviors in Young Females, 13.08.2021

The Twitching Generation, H. Lewis, 27.04.2021

The tic in TikTok and (where) all systems go: Mass social media induced illness and Munchausen's by internet as explanatory models for social media associated abnormal illness behavior, Giedinghagen, 01.04.2022


Können Social Media Krankheiten auslösen?

Phänomene, bei denen mehrere Menschen einer sozialen Gruppe ähnliche, medizinisch unerklärliche und oft bizarre Symptome entwickeln, werden als Massenhysterien, epidemische Hysterien oder psychogene Massenkrankheiten bezeichnet, als Oberbegriff hat sich mittlerweile  'Soziogene Massenkrankheit' etabliert.

Das Leiden der einzelnen Person ist ziemlich real und tiefgreifend, der/die Betroffene sucht nicht „nur Aufmerksamkeit“ oder „macht es absichtlich“. Stempel wie Hypochonder, „verrückt“ „hysterisch“ ist nicht sinnvoll. Es gibt Anzeichen, dass soziale Medien eine mögliche neue Quelle sind. Typische Merkmale:

  • Symptome, die trotz vielfältiger Untersuchungen nicht medizinisch erklärt werden können
  • Symptome, die vorübergehend, gutartig und für die Betroffenen ungewöhnlich sind
  • schnelles Einsetzen der Symptome und relativ schnelle Genesung
  • die Betroffenen sind durch die Zugehörigkeit und Interaktion innerhalb einer sozialen Gruppe verbunden.

In der Regel wird folgende Behandlung versucht:

  • Ausschluss medizinischer Erklärungen für die Symptome
  • Manchmal hilft die Schließung einer Institution, in der es aufgetreten ist
  • Identifizieren des 'Auslösers', Entfernen von Personen von der Website der angeblichen Exposition bzw. Fernhalten von den entsprechenden Kanälen/Communities

Tics und TikTok: Can social media trigger illness? Harvard Health Publishing, 18.01.2022


Normal ist out

An einer Privatschule in Australien soll sich ein Mädchen als Katze identifizieren. Die Schule unterstützt sie dabei.

Ein Kätzchen auf zwei Beinen, Stuttgarter Zeitung, 31.08.2022

'Phenomenally bright' teenage girl 'identifies as a cat' and shows feline behaviour, mirror, 22.08.2022